Von Carl Weiss

Saigon, im September

Der Vizeluftmarschall Nguyen Cao Ky hält beim Reden seine Hände angewinkelt, als umfaßten sie einen Steuerknüppel. Er zieht sie locker und rhythmisch zur Brust, wenn er auf die nächsten Pläne seiner Regierung zu sprechen kommt: Er hat Auftrieb, er gibt Höhenruder.

Auch die politischen Sekretäre des Botschafters Henry Cabot Lodge verbreiten Euphorie. Der lange erwogene Plan für die Stabilisierung der trudelnden Republik gewinnt in ihren Augen Gestalt. Man hat seit Sonntag eine verfassunggebende Versammlung. Diese wird etwa drei Monate tagen und über ein Grundgesetz beraten. Sie hat zwar nicht ganz die repräsentative Zusammensetzung, auch nicht die intellektuelle Potenz, ein vietnamesisches Verfassungswerk zu konzipieren, aber man wird ihr die Arbeit erleichtern, indem man ihr ein Vorbild zum Kopieren gibt; die meisten Verfassungen sind schließlich abgeschrieben worden.

Die Blaupause für Vietnam nimmt sich die Verfassung – und wohl auch den Zustand – von Südkorea als Muster. Dort ist ein starker Generell gleichzeitig Regierungschef und Präsident. Dort ist es gelungen, allerdings unter sehr viel günstigeren Bedingungen, den kommunistischen Einbruch abzuriegeln, die Wirtschaft anzukurbeln und das Volk zu, disziplinieren. Südkorea, zur Zeit ohnehin der engste asiatische Freund Südvietnams, ist in der Tat eine gesunde, kräftige Halbnation geworden, in der Antikommunisten eine gewisse Freiheit und Ordnung genießen.

Die offizielle Saigoner Euphorie, die schon mit so fernen Zielen spielt, steht in erstaunlichem Kontrast zu der Niedergeschlagenheit und dem Zynismus, die noch im März und im Sommer herrschten, als die Distrikte Hue und Da Nang gegen Saigon rebellierten. Seither ist militärisch keine entscheidende Wende zum Besseren eingetreten. Aber der von manchen erwartete innenpolitische Kollaps ist ausgeblieben, und der Vietcong hat unter dem Hagel der Luftangriffe wiederum, wie schon 1965, keine Monsunoffensive zustande gebracht. Wenn man das als Rechtfertigung für den Stimmungswechsel gelten läßt und den amtlichen Optimismus entsprechend reduziert, versteht man den politischen Auftrieb des Regierungspiloten Ky etwas besser.

Wie und was waren diese Wahlen vom 1. September? Sie wurden geboren als ein Verlegenheitskind. Als die Buddhisten im Frühling dieses Jahres die Militärregierung stürzen wollten, zog sich Ky aus der Affäre, indem er für den Herbst freie Wahlen versprach (ein vages Wahlversprechen findet sich allerdings schon in einem seiner früheren Regierungsprogramme). Eine Weile blieb unklar, ob damit eine Nationalversammlung, ein direkt regierendes Parlament geschaffen werden sollte. Im Sommer schließlich als die Bataillone der vereinigten buddhistischen Kirche durch Drohungen und durch eine geschickte Taktik Kys, nicht zuletzt auch durch Gewalt zersplittert waren, wurden daraus Wahlen für ein unverbindliches, im vornherein mit einem Manuskript versehenes Redaktionskollegium, genannt verfassunggebende Versammlung. Die Buddhisten und andere Gruppen zogen sich enttäuscht und grollend, aber vorerst untätig in die Opposition zurück.