Von Hartmut Jäckel

Kurt L. Shell: Bedrohung und Bewährung. Führung und Bevölkerung in der Berlin-Krise. Band 19 der Schriften des Instituts für politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin; Westdeutscher Verlag, Köln/Opladen; XVI, 480 Seiten, 36 DM (kartoniert 22 DM)

Vor genau fünf Jahren fand im November 1958 durch eine Moskauer Rede Chruschtschows angekündigte Krise mit dem Bau der Mauer ihren dramatischen Höhepunkt und zugleich ihr Ende. Unmittelbar darauf ließ der östliche Druck gegen Westberlin und seinen nicht leicht zu definierenden rechtlichen Status spürbar nach. Das politische Ziel der Führung der Sozialistischen Einheitspartei, zur Eindämmung der immer bedrohlicheren Umfang annehmenden Republikflucht, „eine normale Lage in der Hauptstadt der DDR zu schaffen“ (Chruschtschow), war mit dem für das Prestige der DDR tödlichen Mauerbau zwar teuer erkauft, aber jedenfalls erreicht worden.

Dem Schock, den diese Maßnahme hüben und drüben auslöste, folgte bei den Eingeschlossenen eine in Ostberlin aufatmend registrierte Beruhigung der Gemüter. Wer ohnehin zum Bleiben entschlossen war, empfand Erleichterung darüber, daß der ständige Aderlaß nun ein Ende hatte. Die große Masse aber, die der „antifaschistische Schutzwall“ empörte, erlag bald dem trivialen psychischen Zwang, eine Umwelt, die man weder ändern noch fliehen kann, zumindest partiell zu bejahen. Das Buch über das Verhalten von DDR-Führung und DDR-Bevölkerung in den Tagen und Wochen nach dem 13. August muß noch geschrieben werden. Es wäre ein großes Thema.

Dies sei vorausgeschickt, um das thematische Gewicht einer Analyse der Westberliner Reaktionen auf den Mauerbau von vornherein in seinen rechten Proportionen zu erkennen. Was „drüben“ für Millionen eine existentielle Reduzierung – und sei es nur des Gefühls „Ich könnte, wenn ich wollte“ – bewirkt hat, löste bei der Mehrzahl der Berliner diesseits der Mauer zwar kaum schwächere, aber so offenkundig „normale“, von Hysterie und Achselzucken gleich weit entfernte Empfindungen aus, daß ihre detaillierte Untersuchung nur wenig Neues und Bemerkenswertes zutage fördern kann. Ähnliches gilt für die „Führung“ im Rathaus Schöneberg: Der Spielraum ihrer Aktionen und Reaktionen nach dem 13. August war so knapp bemessen und ihre auf maßvoll-mäßigende Festigkeit zugeschnittene Rolle nach Lage der Dinge so unausweichlich, daß ein subtiles Rollenstudium – anders als etwa im Falle der Sues- oder Kuba-Krise – noch nicht einmal sonderlich fesselnde Lesekost verspricht.

Damit ist das Dilemma bezeichnet, das den Autor und seinen Berlin-Bericht unter dem eine Spur zu heroischen Titel „Bedrohung und Bewährung“ konfrontiert. Dieses Buch ist eine vorzügliche zeitgeschichtliche Informationsquelle, aber da es Vorgänge behandelt, die in ihrem Kern wohlbekannt, in ihren tausend Einzelheiten dagegen auch für den politisch Interessierten nicht wissenswert genug sind, wird es aus der Konjunktur der Berlin-Bücher schwerlich Nutzen ziehen.

Zu allem Überfluß hat der Autor – der aus Österreich stammt und im Staate New York politische Wissenschaft lehrt – des Guten ein wenig zuviel getan. So ist etwa die Breite des ein Fünftel des dickleibigen Werkes füllenden Kapitels über „Die Berlin-Krise in der öffentlichen Meinung“ (mit 97 metikulös aufgeschlüsselten Umfrageergebnissen in Tabellenform) unter keinem verständigen Gesichtspunkt gerechtfertigt. Ein Bruchteil des Aufwands hätte genügt, um unbestritten richtige Schlußfolgerungen wie diese zu belegen: „Auch diejenigen, die Zweifel an der Standhaftigkeit der Schutzmächte hatten, die die Zukunft Berlins mehr oder wenige sorgenvoll betrachteten, fanden noch nicht, daß ihre Lage in Berlin ernstlich gefährdet sei... Trotz Mauer und Drohungen hatte sich der Alltag für die meisten nicht wesentlich geändert“ (Seite 227).