Die Berufsausbildung soll verbessert werden. DIE ZEIT plädierte in einem Artikel (Michael Jungblut: „Immer noch im alten Trott“, Nr. 35) für eine gründliche Reform. Hans-Peter Bull, der mit den angeschnittenen Problemen aus seiner Tätigkeit bei einer Industrie- und Handelskammer vertraut ist, setzt sich aus dieser Sicht mit dem vorangegangenen Artikel auseinander.

Wer in Deutschland einen Mißstand aufdeckt und zur Abhilfe ein neues Gesetz vorschlägt, darf des Beifalls der Öffentlichkeit sicher sein. Ob die Konjunktur stabilisiert, die Bundeswehr zweckmäßiger organisiert oder die Verkehrsunfälle bekämpft werden sollen – stets werden die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten, die oft ganz beachtlich sind, gering geschätzt im Vergleich zu dem, was man meint, mit neuen Gesetzen erreichen zu können. In Wahrheit aber hängt fast alles von der Anwendung der Gesetze ab. Man vergleiche Erhards Etatpolitik mit der starken Stellung, die das Grundgesetz dem Bundeskanzler einräumt.

Auch die verschiedenen Pläne für ein Berufsbildungsgesetz sind nicht schon deswegen gut, weil dieses Gebiet bisher nicht durch ein einheitliches Gesetz geregelt ist. Entscheidend kann nur sein, welche sachlichen Fortschritte eine Reform bringt. Der SPD-Fraktion, die jetzt einen Entwurf vorgelegt hat, kann man es nicht verübeln, daß sie den gegenwärtigen Zustand in düsteren Farben darstellt. Aber leider malt auch Michael Jungblut in der ZEIT unser Lehrlingswesen um etliches zu schwarz, und so kommt die notwendige Kritik an dem SPD-Entwurf bei ihm zu kurz.

Niemand kann behaupten, daß die Lehrlingsausbildung in Handwerk, Handel und Industrie makellos und schlechthin ideal sei. Daß Lehrlinge in Berufen ausgebildet werden, für die sie sich nicht eignen, daß sie nachlässig oder gar nicht ausgebildet und statt dessen als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden – dies alles kommt vor. Aber es ist schlechthin falsch, die bestehende rechtliche Ordnung der Berufsausbildung für überholt und unbrauchbar zu erklären. Auch ohne Reform, nach geltendem Recht, werden die Lehrfirmen überwacht und gesiebt. Unzuverlässigen Lehrherren kann das Ausbildungsrecht entzogen, ungeeignete Ausbilder und schlecht ausgerüstete Betriebe können (durch die Lehrlingsrolle) ausgeschaltet werden.

Es gibt ja nicht nur die Paragraphen von Handwerks- und Gewerbeordnung und Handelsgesetzbuch, die in der Tat in manchem ergänzungsbedürftig sind. Die Ausbildung in den Betrieben ist überhaupt nicht durch staatliches Gesetz ins Leben gerufen, sondern von der Wirtschaft selbst entwickelt worden. Es waren die Selbstverwaltungs-Körperschaften der Wirtschaft, die Handwerkskammern und die Industrie- und Handelskammern, die diese Materie autonom geregelt haben, vor allem durch Lehrlingsrollen- und Prüfungsordnungen. Dieses Satzungsrecht ist viel anpassungsfähiger als staatliche Rechtsnormen, und es ist auch nicht, wie manche meinen, ein Konglomerat von örtlich verschiedenen Bestimmungen, sondern gilt einheitlich im ganzen Bundesgebiet nach Mustern der Spitzenverbände.

Auch die praktischen Mittel der Berufsausbildung sind nicht hoffnungslos veraltet, wie Jungblut uns suggeriert. Die Wirtschaft schläft nicht – im eigenen Interesse. Sie hat längst gemerkt, welche Wandlungen im Berufsleben eingetreten sind und noch bevorstehen. Die Einrichtungen, die an einer permanenten Reform der Berufsausbildung arbeiten, erwähnt Jungblut nicht: das Institut für Berufserziehung im Handwerk an der Universität Köln, das Institut für Handwerkstechnik an der TH Hannover und die Arbeitsstelle für betriebliche Berufsausbildung (ABB) in Bonn.

Diese Institute arbeiten die „Berufsordnungsmittel“ aus (Berufsbilder, Eignungsanforderungen, Prüfungsanforderungen und Rahmen-Lehrpläne), nach denen Lehrlinge und Anlernlinge in der ganzen Bundesrepublik unterwiesen werden. Die ABB untersucht seit langem, wie die Stufenausbildung – die in einigen Betrieben der Metallindustrie offenbar mit Erfolg praktiziert wird – auf andere Bereiche ausgedehnt werden kann (nicht überall wird sie gleich praktikabel sein). Laufend streicht die ABB überholte Berufsbilder und gibt neue heraus. Auch innerhalb der Berufsbilder – die ja nur die wichtigsten Punkte der Ausbildung regeln – passen viele Firmen ihre Lehrlingsausbildung der technischen Entwicklung an und geben dafür große Summen aus.