Von Sandra Sassone

Rom, im September

Die parlamentarische Arbeit in Rom begann im Zeichen des Südtirol-Konfliktes. Das Problem der deutschen Minderheit zwischen Brenner und Salurner Klause ist in diesem Sommer entscheidungsreif geworden. Im Herbst soll es nach dem Willen der römischen Regierung ein für allemal gelöst werden. Ihr oberstes Ziel ist es, Ruhe und Ordnung an der italienischen Nordgrenze wiederherzustellen. Dies will Ministerpräsident Aldo Moro, wie er Anfang der Woche in der Abgeordnetenkammer erklärte, auf zwei Wegen erreichen: er will mit allen Mitteln den Terror unterdrücken, und er will im Einvernehmen mit Österreich und mit der Südtiroler Bevölkerung die Autonomie der Provinz Bozen erweitern.

Sowohl in Italien als auch in Österreich und in Südtirol scheint die Mehrheit der politischen Kräfte bereit zu sein, den geschickt operierenden römischen Regierungschef zu unterstützen. Aber Moro stößt auch auf harten Widerstand. Das zeigen vor allem die schweren Terrorakte der letzten Zeit, denen wieder zwei Angehörige der italienischen Finanzpolizei – darunter zum erstenmal auch ein Südtiroler – zum Opfer gefallen sind. Die von Österreich aus operierenden Attentäter und ihre Hintermänner sind offenbar entschlossen, ohne jede Rücksicht auf Menschenleben eine friedliche Regelung der Südtirol-Frage zu verhindern. Durch ihren Terror wollen sie ein politisches Klima schaffen, das weitere Verhandlungen unmöglich macht, auf allen Seiten Ressentiments weckt und die Italiener zu unbesonnenem Gegenterror herausfordert.

Diese Rechnung der Extremisten ist bishernicht aufgegangen, nicht zuletzt dank Moro, der das Parlament mit deutlichen Worten davor gewarnt hat, emotionell zu reagieren. Die Verhandlungen mit Wien und mit den Südtirolern zu unterbrechen, käme den Terroristen nur gelegen. Sehr vieles spricht dafür, daß seine Warnung Erfolg haben wird. Das um so eher, als es einer von der italienischen Linksintelligenz geschickt gesteuerten Propaganda gelungen zu sein scheint, die gefühlsmäßigen Reaktionen von den Südtirolern abzulenken; Sündenbock ist nun Deutschland. Die Wurzeln des Südtiroler Terrorismus, so kann man in diesen Tagen in zahlreichen italienischen Zeitungen lesen und bei vielen Gesprächen hören, müssen in Deutschland gesucht werden. Der Geist des bundesdeutschen „Revanchismus“ und „Revisionismus“ sei der eigentliche Nährboden der Verbrechen, die heute südlich des Brenners verübt würden. Diese Verbrechen wurden selbst von Staatspräsident Saragat als „neonazistisch“ apostrophiert, und manche der Regierung recht nahestehenden, Kreise behaupten sogar, die Attentate würden nicht aufhören, solange die Bundesregierung sich weigere, die Nachkriegsrealitäten, einschließlich der deutschen Teilung, anzuerkennen.

Die Bundesrepublik ist also wieder einmal in die Feuerlinie geraten – wohl nicht ganz ohne eigene Schuld. Wenn Vertriebenenfunktionäre immer wieder lautstark vom „Recht auf Heimat“ sprechen, am Münchener Abkommen festhalten und zugleich engen Kontakt mit den „unterdrückten Südtiroler Brüdern“ halten, wird man jenseits der deutschen Grenzen hellhörig. Derartige Deklamationen – ebenso wie einseitige oder forsche Fernsehreportagen über Südtirol – nützen im übrigen den Südtirolern keineswegs,

Freilich hat die Medaille auch ihre Kehrseite. Daß die Kommunisten – nicht nur in Italien – den Südtiroler Irredentismus als Neonazismus und als eine Abart des deutschen „Revanchismus“ deklarieren, kann nicht weiter wunder nehmen. Es paßt in ihr Konzept, die Bundesrepublik innerhalb des Westens zu isolieren. Wenn jedoch linksliberale, sozialistische, sozialdemokratische und linkskatholische Kreise in Italien diese Parolen aufgreifen, so kann man den Vorwurf nicht ersparen, daß sie der Versuchung zur billigen Demagogie erlegen sind. Der Südtiroler Irredentismus besteht seit 1919, lange bevor die Nationalsozialisten, die später mit den Faschisten das Südtiroler Aussiedlungsabkommen schlossen, ihren Aufstieg zur Macht begonnen hatten. Selbst wenn heute, was vielleicht nicht auszuschließen ist, die Südtiroler Terrororganisation von einigen rechtsradikalen Kreisen in der Bundesrepublik unterstützt wird, so liegt doch ihre Operationsbasis in Österreich, Von Österreich aus dringen die Attentäter in Italien ein, und in Österreich gibt der Innsbrucker Universitätsdozent Burger immer wieder seine großsprecherischen Interviews, ohne daß ihm bisher von den österreichischen Behörden das Handwerk gelegt worden wäre.

Der Popanz des deutschen „Revanchismus“ wird wieder in der Requisitenkammer verschwinden, sobald Moro mit Österreich die Vereinbarung über die Erweiterung der Südtiroler Autonomie abgeschlossen hat. Auch der Terror wird danach wohl absterben. Und der heute zur Hysterie neigende Teil der italienischen Öffentlichkeit wird dann hoffentlich erkennen, daß man in Deutschland die Befriedung Südtirols uneingeschränkt begrüßt.