Von Wolfgang Werth

Jung zu sein, heißt es, sei ein Vorteil. Denn wer jung ist, habe das Leben noch vor sich. Das ist zwar ein Gemeinplatz, aber er wird nicht allgemein akzeptiert. Sehr junge Autoren zum Beispiel empfinden es meist als hinderlich, das Leben noch vor sich zu haben, und halten es mehr mit dem Sprichwort, daß aller Anfang schwer sei. Wer mit zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren einen Roman in Angriff nimmt, der sich neben den reifen Werken gereifter Autoren behaupten, sie womöglich noch übertrumpfen soll, der stellt – sofern er nicht gerade ein Frühvollendeter oder ein altersloser Wunderknabe ist – einen Anspruch an sich, den er, mangels hinreichender Erfahrung, nicht erfüllen kann. Viele machen sich den Anfang schwer, weil sie sich ehrgeizig überanstrengen, weil sie wie Pubertierende ihre Jugend zu verleugnen suchen und sie dadurch verraten, im doppelten Sinn des Wortes. Oft täten die Verleger ein gutes Werk, wenn sie verhinderten, daß sich solche jungen Autoren mit ihren mißglückten Kraftakten coram publico kompromittieren. Aber in der Regel tun sie das genaue Gegenteil. Mancher Erstling wird so zu einer Hypothek, die den werdenden Autor zusätzlich belastet, wenn er sich mit einem zweiten Buch freizuschreiben versucht.

Muß oder müßte also, wer anfängt, im eigenen Interesse zunächst für die Schublade schreiben? Es kommt darauf an, wie er anfängt. Wer allen falschen Ehrgeiz fahren läßt und das offenbar größere Wagnis eingeht: nicht mehr scheinen zu wollen, als er ist, hat durchaus eine reelle Chance, in der literarischen Arena ein kleines, mit Beifall aufgenommenes Solo zu absolvieren. Das zeigt das Debüt des zweiundzwanzigjährigen

Hans Christoph Buch: „Unerhörte Begebenheiten“, Geschichten; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 145 S., 10,– DM.

Hier tritt ein Anfänger vors Publikum, der das Sprichwort vom schweren Anfang unbekümmert außer Kraft setzt. Er erhebt keine übertriebenen Ansprüche, und glücklicherweise hat auch der Verlag (sieht man vom etwas hochgestochenen Klappentext ab) nichts getan, um dieses Debüt mit falschen Gewichten zu belasten.

Das Buch enthält sechs Texte. Keiner ist ohne Makel, zwei sind sogar ziemlich indiskutabel. Mehr als einmal begegnet man schiefen Vergleichen: „während sie, in ihren Schaftstiefeln vorsintflutlichen Zyklopen gleich, durch den ... Schlamm wateten ...“ Mangelnde Erfahrung gebiert Schilderungen von unfreiwilliger Komik: Fräulein Elisa ist im Begriff, ihren drei Monate alten Sohn Moritz, „der ein Bedürfnis geäußert hat, auf der Damentoilette abzuhalten“.

Auch gänzlich alogische Satzkonstruktionen kommen vor: „das Auto des Doktors, das man schon seit Stunden auf der Landstraße hatte sehen können, ohne daß es nur im geringsten sich zu nähern, eher sich zu entfernen schien...“ Und nicht zuletzt wäre Buch der etwas sorglose Gebrauch stereotyper Formeln und Adjektive anzukreiden. Aber all diese Fehler wiegen gering angesichts der erfreulichen Tatsache, daß der Autor den Kardinalfehler der meisten Anfänger wie selbstverständlich vermeidet. Ja, in gewisser Hinsicht tragen sie sogar mit dazu bei, den legitimen (um nicht zu sagen: natürlichen) Unterschied zu verdeutlichen, der zwischen diesen frühen Einübungen und der „Erwachsenenliteratur“ besteht. Buchs Texte weisen unangemessene Vergleiche ab. Sie bekennen bescheiden: was die „Großen“ können, kann unser Autor (noch) nicht. Und sie frohlocken zugleich; aber was er (noch) kann, können sie nicht mehr.