New York, Mitte September

Wird der Wiederaufschwung der Aktienkurse in Wallstreet, der so verheißungsvoll am 12. September begann, eine neue Hausseperiode einleiten und der am 10. Februar unvermittelt eingesetzten Baisse an der New Yorker Börse ein Ende setzen? Wird die Kursschwäche, die fast ohne Unterbrechungen sieben Monate gedauert hatte, und die den Dow Jones-Index von seinem absoluten Höchststand um nahezu 230 Punkte oder 23 Prozent hinunterzwang, endgültig der Vergangenheit angehören? Oder wird die Aktienbaisse nach Beendigung einer kurzen Erholungsphase von neuem einsetzen?

Niemals zuvor ist die Börsenentwicklung in den Sommermonaten am New Yorker Markt so unbefriedigend verlaufen wie in diesem „Sommer des Mißvergnügens“. Üblicherweise pflegen die Monate Juli und August durch die nur ganz selten ausbleibende Sommer-Hausse gekennzeichnet zu sein. Diesmal wurde sie durch einen Kurseinbruch von selten erlebter Schärfe ersetzt. Zwischen der ersten Juliwoche und dem am 29. August erreichten Tiefstand blieb der Kursrückgang praktisch ununterbrochen. Selten zuvor hat ein Zusammenwirken so zahlreicher Faktoren gleich stark das Vertrauen der Berufsspekulation und der Anlegerkreise erschüttert.

Die Ungewißheit über den künftigen Verlauf und die Dauer des Vietnamkrieges bildeten zweifellos einen der Hauptgründe für die allgemeine Malaise, die psychologisch die Stimmung am New Yorker Aktienmarkt untergrub. Äußerungen einer Anzahl Regierungsvertreter erhöhten die bereits in breiten Publikumskreisen herrschenden Befürchtungen, der erforderliche Einsatz an Menschen, Material und Geld werde in diesem Kriege alle früheren Erwartungen beträchtlich übertreffen. Ein solcher Einsatz für Kriegszwecke muß aber zwangsläufig beträchtliche Auswirkungen auf die weiteren Entwicklungen im wirtschaftlichen und finanzpolitischen Bereich haben.

Im Vordergrund stehen die wachsenden Inflationstendenzen. Seit dem Frühjahr kletterten Löhne und Preise beträchtlich, nachdem sich noch am Jahresbeginn eine leichte, aber anscheinend nur vorübergehende Beruhigung eingestellt hatte. Der neue Tarifvertrag bei den Flugverkehrsgesellschaften, der dem Streik des Bodenpersonals gegen die Fluglinien ein Ende setzte, zeigte deutlich, daß die Richtlinien für Löhne und Preise unter stillschweigender Duldung der höchsten Regierungsstellen endgültig über Bord geworfen worden sind. Die bewilligten Lohnerhöhungen um 6 Prozent erreichten in diesem neuen Tarifvertrag den doppelten Umfang des in den offiziellen Richtlinien der Regierung als zulässig erachteten Höchstsatzes.

War mit diesem neuen Tarifvertrag der Damm, der bisher von der Johnson-Administration errichtet worden war, durchbrochen, so sieht man nun in Wallstreetkreisen für die nächsten Monate die kräftigste Welle von Lohnforderungen voraus, die seit vielen Jahren von den Gewerkschaften erhoben worden sind. Die Gewerkschaften berufen sich dabei auf die gestiegenen Gewinne der Unternehmen. Es ist ihnen wohlbekannt, daß nicht nur Fach- und Spezialarbeiter, sondern überhaupt gelernte Arbeitskräfte aller Art infolge des wegen des Vietnamkrieges wachsenden Bedarfs knapp sind und noch knapper werden. Sie haben mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt, daß die Johnson-Regierung gegen die letzten Stahlpreiserhöhungen lediglich protestiert hat, aber nicht mehr eingeschritten ist. Nun glauben die Gewerkschaften, nicht mehr auf die Ermahnungen der Regierung Rücksicht nehmen zu müssen.

In Wallstreet weiß man sehr genau, daß eine sogenannte Cost-push-Inflation die Gewinnspannen stark beeinträchtigen muß. Eine Verengung der Gewinnmargen wirkt sich zwangsläufig ungünstig auf die Aktienkurse aus. Zu den Kostensteigerungen für Arbeitskräfte und Material trat überdies im Laufe der letzten Wochen der in amerikanischen Augen fast beängstigende Zinsauftrieb.