F. R., Lipperreihe

In der kleinen ostwestfälischen Gemeinde Lipperreihe, im Dreieck Bielefeld – Gütersloh – Detmold gelegen, stehen die Zeichen auf Sturm. Ein leichtes Mädchen erregt seit einer Woche die Gemüter. Freilich hat diese Dame mit den Vertreterinnen des Gunstgewerbes nur ihr Äußeres gemein: Verwegene rotbraune Haare, einen herausfordernd in die Hüfte gestemmten Arm, hochhackige Schuhe und einen freizügig, bis in die Hüfte am geschlitzten Rock. Ihre übrigen Eigenschaften bleiben weit hinter dem Gewohnten zurück. Das leichte Mädchen von Lipperreihe ist nur anderthalb Zentimeter groß. Es entstammt der Feder eines Bielefelder Graphikers und präsentiert sich in einem Werbeprospekt des Verkehrsverbandes Teutoburger Wald.

„Diese Zeichnung ist eine Frechheit sondergleichen“, entrüstete sich der Bürgermeister der 1625-Einwohner-Gemeinde Lipperreihe, Heidbrink, „im ganzen Ort redet man über diese Geschichte. Wir haben schon genug mit dem Dirnenunwesen zu tun, jetzt kommt der Verkehrsverband und wirbt noch dafür!“

In der Tat ist der Teutoburger Wald in der Nähe der Ortschaft Lipperreihe seit 1961 ein beliebtes Arbeitsfeld leichter Mädchen. Mit großen Wagen kommen sie schon am frühen Morgen angereist. Ihr Einzugsgebiet reicht bis Hannover und Essen, und ihre Kunden stammen vornehmlich aus den Reihen der zahlreichen Feriengäste. „Soldaten sehen wir da nur selten, die haben nicht so viel Geld!“ Seit der ganze Waldbezirk zum Sperrgebiet erklärt wurde, „ist es allerdings nicht mehr ganz so schlimm“.

Als „einen Scherz“, verteidigt der Geschäftsführer des Verkehrsverbandes Teutoburger Wald, Zumkeller, das leichte Mädchen in seinem Prospekt. „In Lipperreihe hat man offensichtlich wenig Humor. Der Prospekt wurde überall sehr gut besprochen, und ein Jahr lang hat überhaupt niemand etwas von der Sache bemerkt.“ Dann entdeckte ein Journalist das Kuckucksei des Graphikers. Geschäftsführer Zumkeller gibt freimütig zu, daß er vom Graphiker vor dem Andruck des 44seitigen Vierfarbenprospektes auf die rothaarige Dame aufmerksam gemacht worden sei. „Ich habe gelacht und gesagt: weitermachen!“ Schließlich müsse man dem Graphiker gewisse künstlerische Freiheiten gewähren. „Der war froh, daß er mal mit seinem Pinsel etwas anderes machen konnte, etwas Kesses. Und da hat es ihn gereizt, ein leichtes Mädchen zu malen.“

In fünf Sprachen und einer Auflage von 40 000 Exemplaren wurde der Werbeprospekt für den Teutoburger Wald gedruckt. Jede ostwestfälische Gemeinde wird darin mit einer besonderen Sehenswürdigkeit dargestellt. Und Lipperreihe bekam seine kesse Rote.

Die Gemeindeväter von Lipperreihe nahmen sich der leichten Dame an. Sie beauftragten den Bürgermeister, dafür zu sorgen, daß der Prospekt sofort eingezogen werde. In Detmold beim Verkehrsverband ist man großzügiger: „Diese Auflage wird erst mal verteilt. Bei der Wiederauflage lassen wir aber dann das leichte Mädchen raus!“