Von Josef Müller-Marein

Augenzeugen berichteten, wie Augustin Bea sich verhielt, als ihn Papst Johannes im Dezember 1959 zum Kurienkardinal ernannt hatte: Im prunkvollen Renaissance-Saal des Sant’ Ufficio drängten sich als Gratulanten die Würdenträger des kirchlichen und politischen Lebens. Aber Bea, damals 78 Jahre alt, saß fragil und klein auf einem Lehnstuhl in einem Winkel, so daß die Prälaten und Diplomaten Mühe hatten, ihn dort zu entdecken. Traten sie dann ehrerbietig auf ihn zu, so erhob sich der neue Kirchenfürst, um sich tief zu verneigen, demütig, in großer Verlegenheit, durch seine Haltung um Verzeihung bittend, daß er ihnen die Mühe des traditionellen Gratulationsbesuches zum Empfang des Purpurs, der Visita di Colore, gemacht hatte.

Heute, da Augustin Kardinal Bea gemeinsam mit Willem Visser t’Hooft den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1966" entgegennimmt, ist er 85 Jahre alt. Nicht auszudenken, was geschehen oder nicht geschehen wäre, hätte es schon vor zehn Jahren den päpstlichen Ratschlag gegeben, die Priester, und zumal die hohen Prälaten, sollten, wenn sie das 75. Lebensjahr überschritten hätten, in den Ruhestand treten! Pater Bea, zu jener Zeit Rektor des päpstlichen Bibelinstituts, hätte in seiner Bescheidenheit wohl den Wink befolgt. Gewiß, sein Name als der eines großen Exegeten hättesein internationales Gewicht behalten – er gilt besonders viel in der protestantischen Welt. Aber erst nachdem er Kardinal der Kurie geworden war, konnte Bea jenes Werk beginnen, das ihm vor allem am Herzen lag und das im "Sekretariat für die Förderung der Einheit der Christen" seine organisatorische Form gefunden hat.

"Hieß er wirklich immer so – Bea?" fragten mich Freunde, als der Kardinal vor mehr als einem Jahr nach Paris kam und dort den Pfarrer Boegner, den Ehrenpräsidenten des protestantischen Kirchenbundes in Frankreich, traf. "Bea" – das klingt nach béatitude, nach frommer Glückseligkeit, klingt nach einem Titel.

Karl Bea, der Vater des einzigen deutschen Kardinals an der römischen Kurie, war ein Zimmermann, der im südbadischen Flecken Riedböhringen nebenbei ein bißchen Landwirtschaft betrieb; auch der Mädchenname der Mutter kam mit einer einzigen, eindrucksvollen Silbe aus: Werk. Und als wäre der uralte Kardinal dort immer daheim geblieben, hat er seine bescheidene Wohnung in der Via Aurelia zu Rom mit Schwarzwald-Bildern geschmückt; ja, 1962 wollte er sein goldenes Priesterjubiläum nirgendwo anders feiern als eben mit den anderen Riedböhringern in Riedböhringen.

Von Kindesbeinen an ist Augustin Bea daheim mit den "Andersgläubern", den Evangelischen, in Berührung gekommen. Und man kennt Beispiele genug, in denen solche Nähe zu andauernden Ärgernissen, Auseinandersetzungen, Verdächtigungen geführt hat. Bea indessen hat den Glauben der anderen achten gelernt. Nennt man ihn heute den "großen Liberalen" unter den Theologen, so weiß man allerdings, daß "eine Duldsamkeit nie aus Bequemlichkeit kam. Jesuiten gelten nicht als liberal, und bequem mag es auch nicht gerade gewesen sein, da der junge Theologiestudent, der in diesen Orden eintreten wollte, sich nach Holland wenden mußte, denn in Deutschland war die Societas Jesu noch vom Bismarckschen Kulturkampf her verboten. Was