Von Dietrich Strothmann

Bernd Naumann: Auschwitz, Bericht über die Strafsache gegen Mulka u. a. vor dem Schwurgericht Frankfurt. Athenäum Verlag, Frankfurt. 548 Seiten, Paperback 19,80 DM.

Von Blaise Pascale stammt das Wort: "Es gibt nur eine Schande – keine zu fühlen." Von Journalisten heißt es gemeinhin, sie seien zu hartgesotten, zu "abgehärtet", als daß sie noch Furchtbares mitempfinden könnten gegenüber der Not eines Menschen etwa, über den sie zu reportieren haben, oder als daß sie noch mehr als ein berufliches Interesse – die Pflicht zur Berichterstattung – aufbringen könnten. Dieses Buch und sein Autor beweisen, daß auch von solcher landläufigen Meinung nicht viel zu halten ist.

Er hatte in dem Prozeß, dem längsten in der deutschen Justizgeschichte, seinen festen Platz. Dort saß er und schrieb auf. Zwanzig Monate dauerte dieser Prozeß; das waren 182 Verhandlungstage. Er war immer dabei, an diesen Tagen, die kein Ende nehmen wollten, die mehr als Aufmerksamkeit, Fixigkeit, Akkuratesse, mehr also als journalistischen Stil verlangten.

Dieser Prozeß war für den Berichterstatter mehr auch als ein "hartes Stück Arbeit". Denn es gab viele lange Augenblicke, da stockte die Feder, da stockte vor Schauder und Ekel der Wille aufzuschreiben, was vor dem Richtertisch in Frankfurt in diesen 182 Tagen zur Sprache kam.

Meist saß er für sich in der reservierten Pressereihe, ein blonder, kräftiger, großgewachsener Mann der mittleren Generation – jener Generation eben, die noch heute mehr Betroffenheit, ein aktiveres Gewissen über Auschwitz – wie es dazu kommen konnte und wie es ein für allemal zu verhindern ist – an den Tag legt, als die Älteren und die Jüngeren in diesem Land. Es ist die Generation derer, die – hätte die Brutalität jener Jahre länger angedauert – vielleicht selber in die Schuld des Mordes geraten wäre. Daher mag sie immer noch und immer wieder von dem Grauen in Auschwitz so stark getroffen werden, von der Schrecken einjagenden Frage: Wozu sind Menschen nur fähig? Und von der daraus folgenden Ungewißheit: Was hättest du getan, wenn du dabei gewesen wärest?

In dem Prozeßreport Naumanns ist diese generations-eigentümliche Anteilnahme zu spüren, in der korrekten Wiedergabe der Vorgänge in dem Frankfurter Gerichtssaal und in der journalistischen Beschreibung der Menschen, ihrer Taten und Leiden. Und es ist wohl auch gelegentlich zu spüren, wann dem mitschreibenden Beobachter, der während der Verhandlungen Seite um Seite mit Notizen protokollarisch füllte, später bei der raffenden Niederschrift des Zeitungsberichtes die Sprache zu versagen drohte. Was in jenen zwanzig Monaten über Auschwitz zur Sprache kam, von den angeklagten Mördern und von den gepeinigten Opfern, verschloß den Teilnehmenden oft genug den Mund. Es fehlten dann die Worte, den unbeteiligten Lesern klarzumachen, wovon hier die Rede war. Häufig konnte der Berichterstatter nur andeuten, worum es ging, vermochte nur vage mitzuteilen, was sich in den Gaskammern, vor den Verbrennungsöfen, bei Bogers "Verhören" zutrug. Und dann die biedermännisch-kahlen Gesichter derer, die auf der Anklagebank hockten, die von der Erinnerung geschlagenen Überlebenden, die als Zeugen vortraten.

Auch kein wortmächtiger Dichter kann dem allen gewachsen sein. Auch Peter Weiss beließ es in seinem Auschwitz-Oratorium bei der szenisch eingerichteten Reportage, bei der Sprache, die in diesem Prozeß gesprochen wurde. Er hat im übrigen Naumanns Report zur Grundlage seiner Arbeit genommen. Ihm, so schrieb er, verdanke er viel. Für den Journalisten Naumann ist dies eigentlich an Lob und Anerkennung genug. Mehr kann ein Zeitungsmann, der nur für den Tag schreibt, nicht erwarten. Er hat so mehr als nur der Pflicht des Chronisten genügt. Er hat auf seine Weise für die Zukunft ein Stück vergangener deutscher Geschichte aufgeschrieben, dafür gesorgt, daß sie nicht vergessen wird. Auch darum hat Naumann als Reporter dieses Prozesses seinem Beruf alle Ehre gemacht.