Von Horst Krüger

Woran liegt es, daß das Einfachste und Natürlichste in unserer Literatur noch immer das Seltenste ist? Es ist so natürlich, daß einer, der sein Leben unter besonderen Bedingungen leben mußte, eines Tages darüber zu reflektieren beginnt. Er hat bestimmte Erfahrungen gesammelt, die für ihn unauslöschlich wurden. Er versucht, mit diesen Erfahrungen mit sich selber ins reine zu kommen. Er fragt sich: Warum bin ich so, wie ich heute bin? Was war es denn, was mein Leben im tiefsten bestimmte? Er schreibt Essays in eigener Sache, deckt die Bruchstellen seiner Existenz auf, forscht nach den Grenzen und Widersprüchen seines Denkens, erkundet die Bedingungen und Möglichkeiten seines heutigen Bewußtseins. Er ist auf der Suche nach sich selbst; er versucht, seine Vergangenheit, wie ein Schlagwort heute sagt, „zu bewältigen“.

Man sollte meinen, daß an solchen moralischen Bestandsaufnahmen bei uns kein Mangel herrscht. Man sollte es vor allem bei einer Generation meinen, die durch die Erschütterungen und Erniedrigungen des Hitlerfaschismus gegangen ist. Die Älteren, die erfahren und überlebt haben, müßten in großer Zahl versuchen, die Erfahrungen von damals mit hineinzunehmen in den Horizont von heute. Es gehört mit zu den bestürzenden Erkenntnissen, die das Buch von

Jean Améry: „Jenseits von Schuld und Sühne“ – Bewältigungsversuche eines Überwältigten; Szczesny Verlag, München; 160 S., 18,– DM

vermittelt, daß dieser einfachste und natürlichste Akt in unserem Land offenbar noch immer der schwierigste ist. Es wimmelt von Dokumentationen, Geschichtsanalysen und Monographien zum Thema Nationalsozialismus. Es ist auch kein Mangel an Literatur über die Situation der Verfolgten und Exilierten. Jeder Gutwillige kann Material in reicher Zahl finden. Es werden bei uns Romane, Erzählungen und Theaterstücke geschrieben, die die barbarischen Aspekte des Dritten Reiches am Einzelfall durchleuchten. Es sind oft mühselige und komplizierte Vorhaben, die häufig genug mißlingen. Nur dieses Allereinfachste von der Welt: daß einer sich selber nach Hitler beschreibt, das gibt es bei uns nicht.

Jean Améry hat es mit seinem Buch zum ersten Male versucht. Deshalb hat es schon von der Thematik her einen singulären Rang. Es gehört, wie ich glaube, zu den ganz wenigen zentralen Neuerscheinungen dieser Saison. Der schmale, in seinem Titel (und noch mehr in seinem Untertitel „Bewältigungsversuche eines Überwältigten“) recht unglücklich angezeigte Band steht in der Gefahr, in der Bücherflut dieses Herbstes übersehen zu werden. Wenn wir einen Literaturpreis für große Essayistik haben – dieses Buch hätte ihn verdient. Denn es hat die Kraft und die Moral, Bewußtsein zu verändern.

Es versteht sich, daß ein solcher Versuch, sich als Betroffener nach Hitler zu erkennen, nur ein Bericht vom beschädigten Leben sein kann. Jean Améry untersucht die Konditionen jener Personengruppe, die die Sprache unserer Verwaltung heute etwas pauschal und verschämt als „Opfer des Faschismus“ bezeichnet. Man stellt sich darunter KZ-Insassen, Juden, Emigranten vor. Sie bekommen, so sagt man, Entschädigungen, Renten, Wiedergutmachung. Was soll sonst noch sein? Dieses „Was-sonst-noch-ist“ – es ist Amérys Thema. Er untersucht die innere Existenz der Modalität: Opfer-Sein. Er klagt nicht an, seine Erwägungen liegen wirklich, wie der Titel, sagt, „jenseits von Schuld und Sühne“ – er nimmt sein Schicksal an, versucht, sich mit den tiefsten Erfahrungen der Erniedrigung neu zu konfrontieren. Er stellt einfach die Fragen: Was lehren mich diese Erfahrungen von damals heute? Wieviel taugen sie? Was sind sie wert, um mich heute als Mensch zu verstehen?