Läßt sich die Vergangenheit mittels Spitzhacke und Planierraupe bewältigen?

Bundespräsident Gerstenmaier hatte sich in Israel jüngst dafür eingesetzt, daß das Haus am Wannsee abgerissen werde, in dem die SS-Führung 1942 die Endlösung der Judenfrage beschloß. Senat und Abgeordnetenhaus haben jetzt seinen gewiß aus noblen Motiven geborenen Vorschlag abgelehnt – und zu Recht.

Geschichte ist nach vorn offen: formbar also, verspielbar auch. Nach rückwärts ist sie geschlossen: unkorrigierbar durch nachträgliches Radieren. Was gewesen ist, läßt sich nicht ungeschehen machen; es muß verantwortet werden und notfalls gesühnt. Eugen Gerstenmaier hat sich stets dagegen gewandt, daß wir Deutschen unsere Vergangenheit bewältigen, indem wir sie verdrängen. Sollte die Bewältigung etwa besser gelingen, wenn wir den steinernen Zeugen der Vergangenheit mit Bohrmeißel und Bagger zu Leibe rücken?

Es gibt düstere Dinge, über die Gras nicht wachsen kann noch wachsen darf. Die jungen Protestanten der Aktion Sühnezeichen haben das erkannt. Während Gerstenmaier den Abbruch der Wannsee-Villa forderte, bauten sie in Auschwitz die Gaskammer wieder auf – um so, wie sie sagten, das Verbrechen zu enthüllen und zugleich dafür zu büßen. ts