Die Atompolitik der Bundesregierung erweckt zuweilen den Eindruck, sie werde nach der Methode jenes Schachspielers betrieben, der seinen Springer nicht opfert, weil er sich der Option auf einen bestimmten Zug nicht begeben will – dabei aber in Gefahr gerät, die ganze Partie zu verlieren.

Nicht, daß in der Bundesrepublik irgend jemand den nationalen Besitz von Atomwaffen erstrebte. Die Zeiten sind vorbei, in denen deutsche Generale per Denkschrift Zweifel an ihren letzten Absichten weckten, und auch Adenauers mißverständliches Wort aus dem September 1961 – "Was nützen mir die Träger, wenn ich die Köpfe nicht habe" – würde heute keinem Bonner Politiker mehr über die Lippen gehen. Die deutsche Öffentlichkeit ist alles andere als atomgierig. Im Gegenteil: alles, was mit nuklearen Waffen zusammenhängt, stößt bei der Mehrheit auf unwillkürliche Ablehnung.

Wenn die Welt – und nicht nur die östliche Welt – dennoch voller Ängste über den "Atomehrgeiz" der Deutschen ist, so hat das dreierlei Ursachen: einmal die juristischen Löcher in dem deutschen Atomverzicht von 1954; zum anderen das Beharren Bonns auf "nuklearer Teilhabe", vorzugsweise auf der Grundlage eines integrierten multilateralen Waffensystems; schließlich das ständige Bonner Grummeln angesichts der Genfer Siebzehn-Mächte-Verhandlungen über einen Atomwaffensperrvertrag.

Die Bundesregierung hat 1954 gegenüber ihrem westlichen Partner ausdrücklich darauf verzichtet, auf dem Territorium der Bundesrepublik Atomwaffen herzustellen. Sie verzichtete damals allerdings nicht auf die Möglichkeit, solche Waffen im Ausland zu produzieren oder sie von anderen Mächten zu kaufen oder zu mieten. Der Grund: die bloße Vorstellung erschien den Bonner Unterhändlern so weit hergeholt, daß sie glaubten, sie außer acht lassen zu können.

Wenn jetzt in manchen Hauptstädten eine gewisse Unruhe zu spüren ist, so deswegen, weil Adenauer im Wahlkampf 1965 erklärte, auf den deutschen Verzicht von 1954 – der sein einziger "einsamer Entschluß" gewesen sei – habe er sich nur unter der Voraussetzung rebus sie stantibus eingelassen. Die Zweifel, die sich hieraus ergaben, wurden verstärkt durch die Bonner Abneigung dagegen, dem Produktionsverzicht einen Erwerbsverzicht hinzuzufügen. Gegenüber dem Westen, so wird gelegentlich argumentiert, komme das nur in Frage, wenn damit auch eine Erweiterung der alliierten Wiedervereinigungsverpflichtung von 1954 einhergehe; gegenüber dem Osten gar nicht, solange er an der deutschen Teilung festhalte und ein Verzicht also nur die "politische Masse" der Bundesrepublik verringere.

Derlei Argumentationsketten mögen zu subtil sein, als daß sie weltpolitisch wirksam sein könnten; doch bösartig sind sie keinesfalls gemeint. Das gleiche gilt für den deutschen Wunsch nach nuklearer Teilhabe.

Bei der Unterzeichnung der Verträge von 1954 spielten die Atomwaffen noch keine große Rolle. Erst in den Jahren danach wurde die ganze Verteidigungsplanung auf sie abgestellt – und das zu einer Zeit, in der die Glaubwürdigkeit der nuklearen Strategie mehr und mehr abnahm und diese Strategie selber fortdauerndem Wandel ausgesetzt wurde. In dieser Lage war der Wunsch der Bundesregierung absolut legitim, an den für uns lebenswichtigen amerikanischen Entscheidungen über Einsatz oder Nichteinsatz von Atomwaffen beteiligt zu werden. Da uns der Weg zu nationalen Atomwaffen versperrt ist, lag der Gedanke nahe, das Prinzip der Integration auch in den nuklearen Bereich hinein auszudehnen: deshalb das Ja Adenauers erst zu Norstads Vorschlag, die NATO zur "vierten Atommacht" zu erhöhen, dann zur berühmt-berüchtigten MLF.