Mythen und Wirklichkeiten des Büchermarktes

Von Jochen Greven

Buchmesse Frankfurt 1966: noch größer, noch weltumspannender, also noch bunter, betriebsamer, berauschender (und auch wirtschaftlich noch bedeutender) als je zuvor. Der Jahrmarkt des Geistes, den man schwarz auf weiß nach Hause tragen kann, die ameisenhafte Stätte der Begegnung, des Austauschs, der Anregung, des Ideenflusses, der Präsentation, Information, Kommunikation (und des Handels), wo das Buch mit Gepränge dem Buchhändler übergeben wird, auf. daß dieser es dem Leser zutrage.

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„Das Buch“? Ein abstrakter Begriff für einen auf dieser Messe in mindestens einhunderttausendfacher Gestalt vertretenen Gegenstand. Der gebildete Mensch neigt dazu, sich ein gehobenes literarisches Werk darunter vorzustellen, sagen wir Martin Walsers neuen Roman.

Aber: die Schöne Literatur insgesamt macht bei uns nur ein gutes Fünftel der jährlichen Buchproduktion aus, nach Titeln gerechnet. Nach Stückzahlen und Umsatzanteilen des Buchhandels, die freilich nur zu schätzen sind, kommt man etwa auf ein Drittel. Jedoch muß noch ein „aber“ folgen: Diese statistisch ausgewiesene „Schöne Literatur“ hat bei näherem Zusehen den Schönheitsfehler, daß ihr zu einem Viertel bloße „Hefterl“ angehören, also Werke von der Gattung der Lore-Romane, und außerdem natürlich auch die ganze, gar nicht kleine Trivial-Produktion der nur für die Leihbüchereien arbeitenden Autoren und Verlage und alles Weitere, was als niedere Unterhaltungsware von den besseren Leuten der Bücherwelt zwar verschwiegen wird, aber doch eine quantité darstellt, die titel- wie umsatzmäßig nichts weniger als négligeable ist. So sieht sich die wirklich schöne Literatur auf eine gar nicht exakt bestimmbare Minorität des Buchangebots dezimiert, die man mit zehn Prozent sicher nicht zu niedrig veranschlagt. In die Majorität teilen sich bei uns solche statistische Gruppen wie: Religion/Theologie, Recht/Verwaltung, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Volkskunde und viele kleinere bis zu „Verschiedenem“. Andere Völker, andre Zählung, aber die Ergebnisse bleiben ähnlich: Die guten Romane sind zwar die vielberedeten Stars, aber keineswegs das tägliche Brot der Literatur. Selbst innerhalb des allgemeinen, sich an das breite Publikum wendenden Sortiments dringen Sachbücher, Lexika und andere Non-Fiction immer weiter nach vorne.

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