Selbsterkennen und Selbstaussage der katholischen Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil

Von Hans Fischer-Barnicol

G. Baraúna OFM (Herausgeber): De Ecclesia – Beiträge zur Konstitution „Über die Kirche“ des Zweiten Vatikanischen Konzils – Deutsche Ausgabe besorgt von O. Semmelroth SJ, J. G. Gerhartz SJ u. H. Vorgrimler, Band I – 629 Seiten – 49,– DM; Band II. – 604 Seiten – 49,– DM. Verlag Herder, Frankfurt, Freiburg und Josef Knecht.

Die Berichterstattung während des Konzils glich zuweilen einer Reportage über ein Fußballspiel, bei der alles mögliche, nur nicht der Ball erwähnt wurde. Man erfuhr von leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, ohne so recht zu wissen, worum es eigentlich ging. Die Pointen der Diskussion waren deutlicher als ihr Sinn. Nun erst findet sich Zeit wahrzunehmen, was das Konzil zu denken und zu sagen wagte und, wichtiger noch, wie es gedacht und gesprochen hat. Und nun erst, in der kritischen Durchsicht, gerät man in ein Staunen, das jene anfängliche Überraschung, daß diese Kirchenversammlung fähig war, derart unbefangen und quicklebendig zu debattieren, rasch vergessen sein läßt. Im Grunde genommen bewies die Sensation, die das Zweite Vaticanum machte, doch nur, wie ungenaue, wie falsche Vorstellungen in der sogenannten öffentlichen Meinung über die katholische Kirche geherrscht haben.

Man hatte sie ganz einfach für einen totalitären Staat gehalten und vom Konzil nicht viel mehr erwartet als von Sitzungen des Obersten Sowjets: stramme, im voraus reglementierte Zustimmung. Als diese nicht kam, als nun wirklich diskutiert wurde, als in der Konzilsaula, im Angesicht der nichtkatholischen Beobachter, offen gestritten wurde und selbst vom Papst empfohlene Texte als unbrauchbar zurückgewiesen wurden, meinte man ebenso verblüfft wie entzückt, das Konzil als ein überdimensionales Parlament verstehen zu können, dessen Mitglieder sich als Bischöfe verkleiden.

Nun konnte man mit Parteien sympathisieren, von Rechts oder Links reden, Fortschrittliche loben und Reaktionäre verdammen. Nur wenige hörten aufmerksam genug zu, um bemerken zu können, daß manches Argument der Progressisten aufs neunzehnte Jahrhundert, manches schlicht traditionelle Bekenntnis aber aufs einundzwanzigste Jahrhundert abgestimmt war.

Selbstentdeckung der Kirche