Von Curt Gasteyger

Werner Markert (Herausgeber:) Osteuropa-Handbuch, Sowjetunion. Das Wirtschaftssystem. Böhlau-Verlag, Köln. 585 Seiten, 52,– DM.

Nach sechsjähriger Pause, durch den plötzlichen Tod des verdienten und initiativen Herausgebers Professor Werner Markert zusätzlich verzögert, erschien vor kurzem der dritte Band in der Reihe der „Osteuropa-Handbücher“. Ihm gingen die Bände über Jugoslawien (1954) und Polen (1959) voraus; sie waren in ihrer Art ein Ereignis für die deutsche Osteuropaforschung nach dem Kriege, weil sie damit die Verbindung zu deren großen Vorkriegstradition wiederherstellen halfen. Denn sie bemühen sich, bei aller kritischen Einstellung gegenüber dem heute in Osteuropa herrschenden System, um eine vorbildlich nüchterne und wissenschaftlich einwandfreie Darstellung und Analyse aller wichtigen Lebensbereiche eines kommunistisch beherrschten Landes.

Auch der neu vorgelegte Band erfüllt diese Voraussetzungen vorzüglich. Sein Untertitel weist bereits darauf hin, daß es sich lediglich um einen dem sowjetischen Wirtschaftssystem gewidmeten Teilband handelt. Die Fülle des Stoffes rechtfertigt für ein Land wie die Sowjetunion in der Tat mehrere Bände; auch kann die Entscheidung der Herausgeber, „die geschlossene Behandlung großer Sach- und Problemkreise einer historischen Epochengliederung des Gesamtwerkes“ vorzuziehen, nur begrüßt werden. Das gilt ebenso für ihren Verzicht, den Band mit einer weitausgreifenden Theorie der zentralen Planwirtschaft zu belasten. Theoretische Auseinandersetzungen wurden deshalb nur dort angebracht, wo sie für das Verständnis der Praxis sowjetischer Wirtschaftspolitik wichtig sind.

Nach einer Übersicht über die allgemeinen Grundlagen der Sowjetwirtschaft erstreckt sich die Darstellung auf Kapitel über Arbeitspotential, Forschung und Ausbildung, über Planungssystem und Preisbildung, Industrie und Handel, Finanz- und Investitionspolitik, Agrarwirtschaft und Wirtschaftsrecht bis zum Außenhandel und der Stellung der Sowjetunion im Ostblock und in der Weltwirtschaft. In diese große Aufgabe teilen sich insgesamt neunzehn Autoren, wovon bezeichnenderweise allein neun aus dem Osteuropa-Institut an der Freien Universität Berlin (darunter die Professoren Thalheim und Meder) kommen. Drei der gewichtigsten Beiträge stammen von den englischen Wirtschaftswissenschaftlern Alec Nove, Francis Seton und Peter Wiles.

Im allgemeinen ist die oft schwierige Abgrenzung der einzelnen Kapitel gut glungen. Wo Überschneidungen unvermeidlich waren, wurden sie durch Querverweise verringert. Trotzdem wird, wie stets, ein solches Sammelwerk Unterschiede in der Qualität der Beiträge und Lücken in der thematischen Geschlossenheit aufweisen. Davon ist auch der vorliegende Band nicht völlig frei. Ebenso Wird man nicht erwarten dürfen, daß alle Beiträge auf den letzten Stand gebracht werden konnten. Wer an ähnlichen Unternehmungen mitgewirkt hat, kennt zur Genüge die großen Schwierigkeiten, die das Zusammenstellen und Redigieren einer Vielzahl von Einzelbeiträgen zu aktuellen Themen mit sich bringt.

Man wird es deswegen zwar bedauern, aber nicht kritisieren können, daß beispielsweise ein so zentrales Gebiet wie das der Rüstungsproduktion und des Verteidigungshaushaltes in dem Band kaum Erwähnung findet. Zweifellos macht es das Sowjetsystem besonders schwierig, hierzu zuverlässige Angaben zu erhalten und sie im Gesamtzusammenhang von Planung und Investitionspolitik zu beurteilen. Gerade weil es aber an guten Abhandlungen zu diesem Thema fehlt, wäre seine ausführlichere Darstellung sehr wünschenswert gewesen. Denn immerhin machen die reinen Verteidigungsausgaben im sowjetischen Staatshaushalt ungefähr fünfzehn Prozent aus, wohinzu noch die beträchtlichen, unter verschiedenen Titeln versteckten Ausgaben für militärische Forschung und Entwicklung kommen.