Von Gerhard Zwerenz

Lessing wünschte sich seinerzeit, in Ermangelung der deutschen Nation, ein deutsches Nationaltheater. Inzwischen hatten wir die deutsche Nation, verspielten sie wieder und besitzen nun endlich, was Lessing vergeblich forderte: ein deutsches Nationaltheater – das Fernsehen. Über diverse Staatsgrenzen hinweg versammeln sich allabendlich die Deutschsprechenden vor der Bildröhre.

Am 1. September 1966 gab es im 1. Programm "Die rote Rosa", eine dramatische Produktion von Walter Jens. Von der interessierten Minderheit, die diesem Spiel folgte, fühlten sich einige um den Schlaf gebracht. Rosa Luxemburg, vor fast einem Halbjahrhundert ermordet (sicherheitshalber gleich mehrfach: erst mit dem Gewehrkolben auf den Kopf gehauen, dann mit der Pistole erledigt, endlich, aller guten Dinge sind drei, in den Landwehrkanal geworfen .. .), die so vielfach Beseitigte feierte seltsame und vielfache Wiederauferstehung. "Denn Mord, hat er schon keine Zunge, spricht mit wundervollen Stimmen", heißt es schon bei Shakespeare.

Das Bayerische Fernsehen sendete das Stück. Da die Österreichische Rundfunkgesellschaft sich angeschlossen hatte, brachte Herr Dr. Drimmel (ÖVP), Wiener Minister a. D. und Vizebürgermeister, spontan seine umfangreiche Empörung zu Papier:

"In der abgelaufenen Zeit ist es geradezu ein Regelzustand im Österreichischen Fernsehen gewesen, daß gewisse Produktionen dazu benutzt werden, die Ideologie der politischen Linken in Österreich auszustrahlen. Den Gipfelpunkt dieser unverschämten Propaganda stellt zweifellos der Import aus Bayern dar. Hier wurde versucht, den Aufstand der Kommunisten im Jänner 1919 gegen die sozialdemokratische Reichsregierung in Berlin als einen Aufstand der Menschlichkeit gegen ein rechts und links von Frau Rosa Luxemburg und ihren Kommunisten vermutetes Untermenschentum darzustellen. Es gibt wohl kaum eine krassere Geschichtslüge als den in diesem Fernsehstück dick aufgetragenen lyrischen Humanismus der kommunistischen Anführerin des Aufstandes. In diesem Sinne protestiere ich energisch gegen die fortdauernde Tendenz dieser Sendungen und erwarte, daß einem derartig krassen Mißbrauch des Fernsehens für radikale, einseitige, politische Agitation und Propaganda ein Riegel vorgeschoben wird ..." Stil und Grammatik des Protests bezeugen die gewiß nicht unbeträchtliche Gewissensnot des Verfassers sowie die Tatsache, daß Karl Kraus zwar in Wien lebte und schrieb, aber folgenlos.

Immerhin war Drimmel ein großer Erfolg beschieden. Die aufmerksame "Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung" stand auf Wacht und druckte seinen Protest gegen das "widerwärtige Tendenzstück" eifrig nach. Auch fügte sie eine lustige Karikatur hinzu, in der die ermordete Luxemburg, als Engel verkleidet, dem Bildschirm entspringt. Unterschrift: "Wie ein Phönix aus der Asche entsteigt sie dem Deutschen Fernsehen."

Wieso Asche? fragt man sich erstaunt. Die Herrschaften von jener Zeitung verfügen doch über die besten Beziehungen zu Herrn Major a.D. Pabst, der Luxemburg und Liebknecht einst zu ermorden befahl. Die Herren müßten also auch wissen, daß man Rosa Luxemburg seinerzeit ins Wasser des Landwehrkanals warf. Wie kommen sie also auf "Asche"? Dachten sie etwa an die Millionen ermordeter, vergaster, verbrannter Juden des Zweiten Weltkrieges?