Von Paul Sethe

Wenn Sie wirklich ernstlich glauben und wenn Sie mich davon überzeugen; daß ich Ludwig Erhard schade, trete ich sofort zurück.“ Es ist jetzt ein halbes Jahr her, daß dieses Wort gesprochen wurde. Der schlanke Mann mit dem grauen Haar hatte bisher die Unterhaltung leicht, gelöst, fast heiter geführt, ein erfahrener Meister des Gesprächs. Es war scheinbar mühelos und doch mit Einsichten, Fragen, Tatsachen befrachtet. Aber dann war der Ton immer ernster geworden, je mehr die Unterhaltung sich dem Schicksal des Kanzlers näherte... Bundesminister Westrick hat jetzt diesen Satz von damals wahrgemacht.

Das Gespräch war von der ersten Minute an fesselnd gewesen. Doch noch ehe es begonnen hatte, war der Blick des Besuchers von dem großen Lenbach-Bild gefangengenommen, das eine Längswand des Zimmers einnahm und Helmuth von Moltke darstellte. Wie kommt der katholische Sohn der Stadt Münster, von seinen Vorfahren her Muß-Preuße, wie kommt er zu diesem Bilde eines preußischen Generals?

Ist es Bewunderung für das Militärische, Heimweh nach der Luft, in der die Helme blitzten, nach der Zeit, da es den Mut und die Kraft zum Befehlen gab wie zum Gehorchen? Aber so stark sind die Erinnerungen des Reserveleutnants Ludger Westrich an den Ersten Weltkrieg nicht, daß er sich von dem Anblick der Uniform nicht trennen möchte. Was ihn so anzieht an dieser Gestalt, sind die Selbstzucht, die Bereitschaft sich einzuordnen, die Fähigkeit, hinter die große Pflicht zurückzutreten, das „Mehr-sein-als-Scheinen“, und wahrlich nicht zuletzt die hohe Geistigkeit des Dargestellten.

Moltke hat nie ein leeres Wort gesprochen; auch von Westrick mit all seinem Plaudertalent ist keines bekanntgeworden. Dafür sitzt er oft eine Viertelstunde oder eine halbe Stunde lang in tiefem Nachdenken – wie der General von Moltke.

Schließlich hat Westrick mit ihm noch die Abneigung gegen das enge Spezialistentum gemeinsam. Die Familie Westrick liebt die Dichtung und die Musik; Musisches lebt noch in der raschen und lebendigen Erzählung des Ministers, in der Wahl der Worte. Dann freilich hören die Ähnlichkeiten auf. Anders als Moltke ist Westrick ein glücklicher Vater. Von seinen acht Kindern sind zwei gefallen, zwei andere hat er dafür angenommen. Seine Frau ist Ärztin und hat lange Zeit eine eigene Klinik geleitet. Ihre Patienten waren vor allem arme Leute. Die Westricks haben zugesetzt dabei; aber Geld war diesem erfolgreichen Geschäftsmann nie das Wichtigste.

Er war um die Mitte der Fünfzig, als er gerufen wurde. Nach einigem Bedenken nahm Westrick an. Er opferte viel. Der Generaldirektor eines großen Unternehmens, das Mitglied mehrerer Aufsichtsräte hat in den sechzehn Jahren, die er im Staatsdient ist, auf Hunderttausende, wohl auf Millionen verzichtet. Westrick hat sich dennoch dem Rufe nicht versagt. Das war Patriotismus, Verantwortungsbewußtsein, aber auch noch etwas anderes. Chemisch reine Helden der Pflicht gibt es nur in Bilderbüchern. Bei Westrick kam zu der Bereitschaft zu dienen noch ein Trieb hinzu, ohne den kein bedeutender Politiker denkbar ist: die Freude an der Macht, Ehrgeiz. Nicht der kleine Ehrgeiz, der Genüge findet an Blaulicht und Dienststander und der Neugier der Menge, aber jener große Ehrgeiz, der eine wichtige Sache ordentlich und ganz machen möchte und der seine Freude daran findet, Entscheidungen vorzubereiten, mit zu tragen und wohl auch zu fällen.