Hamburg

Hamburg spricht von seinem „Finanzskandal“. Der vorbestrafte frühere Hafenarbeiter und Straßenbahnschaffner Horst Kling, der seit einigen Jahren in der Liegenschaftsabteilung der Finanzbehörde angestellt war, hat die Freie und Hansestadt durch gefälschte Zahlungsanweisungen seit 1964 um mehr als eine Million Mark geschädigt. Dem Finanzsenator Gerhard Brandes wurde diese Hiobsbotschaft am vorigen Mittwoch überbracht, als er gerade Geburtstag feierte. Seitdem muß sich die Behörde immer wieder die Frage stellen: Wie konnte das geschehen?

Bisher weiß man noch nicht recht, was eigentlich außer der Frechheit des Täters skandalös ist an diesem Skandal. Als Kling 1961 eingestellt wurde, lagen seine letzten Straftaten (Unterschlagungen) zehn Jahre zurück und waren daher im Strafregister gelöscht. Hat er bei seiner Anstellung etwa „Beziehungen“ spielen lassen, besaß er gar ein bestimmtes Parteibuch? Das sind bisher bloße Spekulationen – die Behörde leidet dauernd Personalmangel und ist froh über jeden neuen Mitarbeiter. Aber hätte man Klings Trick eher entdecken müssen?

Sein Rezept war ziemlich einfach und ziemlich frech. Über zwei Jahre lang ließ Kling an sich selbst und einen Bekannten laufend hohe Summen als angebliche Kaufpreiszahlungen überweisen – für Grundstücke, die es nicht gab. Das „funktionierte“ so: Die Kasse zahlt oder überweist Gelder nur auf „Auszahlungsanordnungen“ hin, die zwei Unterschriften tragen müssen. Die erste Unterschrift kann von den meisten Beamten und Angestellten der Abteilung geleistet werden, für die zweite sind nur vier höhere Beamte zuständig. Kling nahm sich Formulare solcher Auszahlungsanordnungen; sie sind leicht zugänglich, weil es eben so viele Zeichnungsberechtigte gibt. In diese Vordrucke fügte Kling Beträge ein – mal 87 000, mal 120 000, einmal sogar 178 000 Mark, fingierte ein Aktenzeichen und gab als Empfänger seinen eigenen Namen oder den eines Herrn O. hinein sowie eines von seinen oder O.s Konten an. Er fälschte schließlich die beiden Unterschriften und schickte die Zettel zur Kasse.

Hätte das ein anderer Angestellter getan, so wäre der Schwindel spätestens nach einem Monat herausgekommen. Aber Kling saß an einer Stelle, an der er die regelmäßige Kontrolle ausschalten konnte: Er führte die Haushaltsüberwachungsliste, im Behördenjargon kurz HÜL genannt. Diese Liste dient in erster Linie dazu, der Behörde jederzeit den Überblick zu geben, wieviel Etatmittel noch verfügbar sind. Der „HÜL-Führer“ muß melden, wenn das Geld zu Ende geht. Zu diesem Zweck muß er jede Auszahlungsanordnung in die Liste eintragen und auf dem Formular bestätigen, daß er dies getan habe. Eine ganz schematische Tätigkeit also, die denn auch nicht sonderlich gut bezahlt wird. Kling erhielt monatlich rund 900 Mark ausgezahlt.

Aber an Hand der HÜL werden monatlich die Ausgaben der Abteilung mit der Kasse abgestimmt, und wenn falsch „gehült“ worden ist, fällt eine entsprechende Fälschung der Anweisung nicht auf. Das hatte Kling erkannt. Also buchte er brav die Überweisungen an sich selbst und O., nur daß er für die Liste einen anderen Empfänger erfand.

Natürlich hätten die Kassenbeamten Verdacht schöpfen können – sie prüfen die Unterschriften auf ihre Echtheit. Aber Kling hatte entweder sauber „gearbeitet“, oder er hatte einfach Glück. Die Rechnungsprüfung war, wie immer, weit im Rückstand; gerade in diesen Wochen erst hat sich der Rechnungshof bis zum Jahre 1964 vorgearbeitet. Mit viel Glück hätte Kling übrigens auch die Klippe der Rechnungsprüfung überwinden können: geprüft wird nur ein Teil – etwa zehn Prozent – aller Vorgänge.