Von Marietta niederer

Aufrüttelnde Nachricht aus London: Ausgerechnet Hardy Amies, 56 Jahre alt, seit Jahrzehnten erfolgreicher Herren-Moden-Entwerfer und weit entfernt von Carnaby Street, schuf die Mini-Hose für den Herrn. Er hofft, damit die europäische Mode für den nächsten Sommer zu verwandeln. Dabei handelt es sich nicht um Shorts: Die Mini-Hosen sind kürzer und schmaler; sie sind auch keine Einzelstücke, sondern gehören zu einreihigen, ziemlich langen Sakkos mit abgerundeten Kanten aus gediegenen Herrentuchen. Der Mini-Hosen-Herr hinter seinem Schreibtisch sieht also aus wie eh und je. Erhebt er sich, dann allerdings gleicht er einem langen alten Schüler mit Wadenstrümpfen. Eine Mode, die man von Oberbayern aus ohne Schwierigkeiten hätte in Gang setzen können, wo die klassische Lederhose in gleicher Kürze niemals Aufruhr verursacht hat.

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Je kürzer die Röcke, desto länger die Haare. Als Ausgleich? Um sich deutlicher von den langhaarigen Jünglingen zu unterscheiden? Jedenfalls zeigen lange seidenweiche, glatte Mähnen heute an, daß man dem smarten internationalen „Set“ angehört. Gar Brigitte Sachs trägt keine aufgeplusterte Frisur mehr. Glücklich also, wer sich die Haare nie knabenhaft kurz à la Courreges hat schneiden lassen und jetzt eine Mähne in Taillenlänge schwenken kann.

Doch Trauer bei den Zu-kurz-Geschnittenen ist unnötig, denn es helfen der Friseur und das große Warenhaus mit dicken Zöpfen, kurzen und langen Haarteilen in allen Naturfarben, preiswert und viel zu teuer, je nachdem.

Echtes Haar wird mit Nylonhaar gemischt. Geschickte Haarmixerinnen, die schnell die Haarfarbe der Kundin treffen, werden hoch bezahlt. In New York kostet ein aufsteckbereites Haarteil aus echtem Haar 300 bis 700 Dollar; Mannequins bestellen den „hair-fall“ 75 Zentimeter lang, Privatkundinnen begnügen sich mit 45 Zentimetern. Blonde Mähnen sind besonders teuer, weil sie schwer zu mixen sind.

Holzkopf neben Holzkopf, mit angesteckten Haarteilen und mit den Namen der Kundinnen versehen, stehen mittlerweile bei allen internationalen Coiffeuren. Das ist ganz einfach: Die frisch gewaschenen, auf Rollen gewickelten Haarteile auf den Holzköpfen trocknen unter den Hauben, während ihre Besitzerinnen Einkäufe erledigen. Vorn in den Salons wird die Kundinnen das Aufstecken neuer Haarteile gelehrt: der Trick soll ja unsichtbar sein. In Rom wurden übrigens Abendfrisuren mit dreißig Haarteilen gezeigt. Vorbilder: Medusa oder die Infantin auf den Bildern von Velasquez. Und Grace von Monaco trug auf einem Wohltätigkeitsball ein breites Haarteil, das bis zur Taille reichte: es war von sechs dünnen und ebenso langen Zöpfchen „eingerahmt“ und endete in einer schmuckbesteckten Schleife.