Von Dieter E. Zimmer

Angenommen, es fragte sich einer beim Lesen des neuen Buches von

Jakov Lind: „Eine bessere Welt“ – In fünfzehn Kapiteln; Quarthefte, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 168 S., 9,80 DM

ob der offenkundige und eingestandene Un-Sinn, der sich da vor ihm ausbreitet, durch eine Überlegung höheren Grades gerechtfertigt ist, die ihm entgeht; ob es also vielleicht an seinem eigenen Verstand liege, wenn er ratlos vor diesem Geschriebenen steht: Wie könnte er sich vergewissern? Wie wäre diesem Buch beizukommen?

Soll man ihm etwa mit Grammatik, Orthographie und Interpunktion kommen? Die Kommaverteilung allerdings scheint sich nach den Gesetzen des Zufalls zu richten. Bald wird alles klein, bald irgend etwas Großes klein und etwas Kleines groß geschrieben. Und es finden sich Sätze wie: „Dieser vielleicht kluge aber beschränkte Mann (nämlich „Gott“) der Leute wie Albert Schweitzer und Martin -Buber, die Königin von England und Martin Luther King liebt, liebt ihn, Aslan, nicht, auch das war die Wahrheit. Von den Autogrammjägern wie Bischöfe, Pfadfinder und aufrechte anständige Bürger mit denen er sich wohl immer umringt ganz abgesehen. Hinter der Tarnung als Hochschullehrer stand die geisteskranke und verkommene Provinz die sich auf Anständigkeit Fleiß und Gelehrtheit berief und die Mittelmäßigkeit abstützt.“ Zwar käme man auf diese Weise schnell zu dem Ergebnis, daß dieses Buch von einem hingeschludert wurde, der mit der Sprache in ganz besonderem Maße auf Kriegsfuß steht; und obwohl man sich auf Schopenhauer berufen könnte, der einleuchtenderweise sagte, wer nachlässig schreibe, lege dadurch zunächst das Bekenntnis ab, daß er selber seinen Gedanken keinen großen Wert beilegt – das Argument gilt ja wohl nicht als seriös.

Ein anderer Weg. Läßt sich, was hier beschrieben wird, an irgendwelchen Realien messen? Zwar soll der Schauplatz wohl Wien sein und die Zeit die Gegenwart – im übrigen aber bleibt alles luftig imaginär. Was natürlich auch kein Kriterium ist, sondern nur besagt, daß dem Buch der Widerstand der konkreten Erfahrungswelt fehlt. Einerseits macht es sich ein Autor dadurch leicht; andererseits um so schwerer, denn die Phantasien, denen er freien Lauf läßt, hätten nun eine eigene Überzeugungskraft zu entwickeln.

Oder gibt es, was man Charaktere nennt? Es gibt Wesen, die nahezu menschliche Namen tragen, aber eher als um Menschen handelt es sich um Hominiden, um prähistorische Ungetüme mit allerdings einer sentimentalen Ader, die sich in groben biologischen Funktionen ergehen und Gedanken absondern, welche ihnen selber blödsinnig vorkommen: „... bin auch ohne deinen Blödsinn blöd genug.“ Der Leser kann ihnen nicht widersprechen.