Von Victor Gero

Warum hat seit über eineinhalb Jahren kein bemannter Satellit der Sowjetunion mehr den Globus umkreist? Warum lassen sich die Russen gegenwärtig von den Amerikanern die Raumfahrtschau stehlen? Niemand glaubt ernsthaft, daß etwa die Sowjets im Wettlauf zum Mond das Rennen aufgegeben hätten. Wahrscheinlicher ist es, daß die Raumfahrtbehörde der UdSSR eine Sensation plant, vielleicht einen Flug weit in den Weltraum hinaus, möglicherweise, sogar in die Nähe des Erdtrabanten.

In der Tat spricht einiges dafür, daß sich die Sowjetunion entschieden hat, ein Raumschiff auf direktem Flug zum Mond zu schicken, das dort, wie etwa die Luna-Sonden, landet. Die NASA hingegen plant, eine mit drei Astronauten besetzte Apollo-Kapsel zunächst in eine Mondumlaufbahn zu bringen; zwei der Raumfahrer sollen dann in eine „Fähre“ umsteigen, die auf dem Erdtrabanten landet, während das Apollo-Schiff in seiner Mondsatellitenbahn verbleibt, bis die Fähre, dorthin zurückgekehrt, wieder mit dem Mutterschiff verkoppelt wird und die beiden Mondfahrer in die Apollo-Kapsel zurücksteigen. Sie nimmt dann, nach Abtrennung der nunmehr überflüssig gewordenen Fähre, Kurs in Richtung Erde.

„Das Verfahren ist zwar komplizierter als ein Direktflug“, erklärte NASA-Direktor James Webb, als er im Juli 1962 diesen Plan bekanntgab, „aber es ist dasjenige, das sich in kürzester Zeit realisieren läßt.“

Es sieht ganz so aus, als habe die NASA eine der größten Schwierigkeiten, die mit jener Strategie verbunden sind, gemeistert: die Rendezvoustechnik, das Ankoppeln eines bemannten Flugkörpers – beim Mondflug entspricht ihm die Fähre – an einen bereits in einer Umlaufbahn befindlichen Satelliten – das Mutterschiff. In der vorigen Woche demonstrierten die Astronauten Charles Conrad und Richard F. Gordon bei ihrem Gemini-11-Flug, daß dies auch ohne Orientierungshilfen seitens der Bodenstationen durchführbar ist, also nur mit Bordgeräten, auf die ja die Mondfahrer allein angewiesen sein werden.

Mehr noch, dem Chefpiloten Conrad gelang das Rendezvous bereits während des ersten Erdumlaufs. Dieses „emergency docking“ ist für den Notfall vorgesehen, falls es aus irgendeinem Grunde erforderlich ist, die Besatzung der Mondfähre in kürzester Zeit wieder zur Apollo-Kapsel zurückzubringen.

Für einen möglichen Notfall ist auch Commander Gordons Außenbord-Kletterpartie geprobt worden. Der Astronaut hatte die Aufgabe, nach der Verkopplung der beiden Flugkörper auszusteigen und an dem Zielsatelliten einige Reparaturarbeiten zu simulieren. Er hangelte sich zur Agena-Rakete vor, setzte sich rittlings darauf und befestigte dort ein mit dem Gemini-Schiff verbundenes, 30 Meter langes Dralonseil. Doch seine zweite Aufgabe – er sollte mit einem Spezialschlüssel ein paar Schraubenmuttern an der Rakete festziehen – erfüllte Gordon nicht. Er ermüdete sehr schnell, Schweiß tropfte ihm von der Stirn, rann ins rechte Auge und behinderte die Sicht. Es half nichts, daß der Astronaut auf der Rakete sitzend eine Ruhepause einlegte, die Feuchtigkeit in seinem Raumanzug wich ebensowenig wie seine Müdigkeit. So mußte das für die Dauer von 107 Minuten vorgesehene Außenbordmanöver bereits nach einer halben Stunde abgebrochen werden.