Von Manfred Seidler

Johannes Bobrowski hat einen Roman hinterlassen, seinen zweiten, der wie ein Vermächtnis erscheint –

Johannes Bobrowski: „Litauische Claviere“; Union Verlag, Berlin (Ost); 171 S., 9,80 DM.

Von den verfeindeten Völkergruppen im Osten ist die Rede und – im Bild der Musik – davon, wie nachbarliche Freundschaft möglich wäre.

Claviere mit C? Das muß schon lange her sein, denkt der Leser und erinnert sich an den ersten Roman Bobrowskis, der vom Großvater im Posenschen erzählte.

Tatsächlich wird von drei Ciavieren aus dem achtzehnten Jahrhundert erzählt. Christian Donelaites hatte sie damals gebaut und „wohltemperiert“ gestimmt. Der Leser erfährt, daß auch des Donelaites’ Leben etwas zu tun hatte mit diesem „Stimmen“: Er war ein Litauer, studierte in Königsberg, war Protestant im katholischen Land, schrieb Hexameter wie Klopstock, nur früher und auf litauisch, ein Pfarrer, Wissenschaftler, Künstler – ein Aufklärer also und demnach eben einer, dessen Vernünftigkeit seine Umgebung zum Zusammenstimmen brachte wie seine Claviere.

Dieser Donelaites aber ist nur eine erinnerte Figur des Romans. Er beschäftigt zweihundert Jahre später drei Menschen der Gegend beiderseits der Memelbrücke in Tilsit, in der Mitte einer Landschaft zwischen Petersburg, Wilna und Königsberg, wo so viele Völkerschaften seit sechshundert Jahren mit- und gegeneinander leben. Einer davon ist Professor Voigt aus Tilsit. Er will eine Oper schreiben über diesen Donelaites, eben weil er ihm die Chance nachbarlichen Zusammenlebens verkörpert, und fährt mit dem Komponisten seines Librettos, Gawehn, auf die andere Seite, um dort Potschka, den litauischen Lehrer in dem „nahezu unberührt deutschen Dorf zu treffen. Potschka kann ihnen beiden Authentisches aus dem Leben Donelaites’ berichten, denn auch er sammelt Noten und Biographisches aus gleichem Grund.