"Revolver"; The Beatles; "Hör zu"/Electrola SHZE 186,18 DM.

Es ist wirklich bezeichnend: Eine neue Langspielplatte der Beatles erscheint, und da die Reputation der vier inzwischen zugenommen hat, entdecken die Leute, die auf Kultur halten und zwar meinen, die sei am Verflachen, aber den Anschluß irgendwie doch nicht verpassen möchten, plötzlich Sachen daran, denen sie etwas abgewinnen können, zum Beispiel, die Musikgeschichte memorierend, Anklänge an ehrwürdige musikalische Traditionen. Als ob sich die Beatles eines Besseren besonnen hätten, als ob es ihnen darauf angekommen wäre, die Zahl ihrer Fans um die paar Figuren zu vermehren, als ob da nicht schon vom ersten Tage an etwas darangewesen sei.

Ich finde auch, daß die neue Langspielplatte die beste ist, die die Beatles bisher gemacht haben, obschon man da sofort ein rundes Dutzend früherer Titel nennen muß, die mithalten können, Nowhere Man, You’ve Got To Hide Your Love Away und Yesterday zum Beispiel, aber ich finde nicht, daß dies eine so riesengroße Überraschung ist. Daß die vier keine Stümper sind, wenn man einmal von Ringos noch immer zweitklassiger Schlagzeugarbeit absieht, war schließlich kein Geheimnis. Eine Überraschung sind allenfalls die Titel von George, der dazugelernt hat und eine ernsthafte Konkurrenz für John und Paul zu werden scheint. (Leider ist die Platte von der Technik her ziemlich schludrig zusammengehauen; zum Beispiel sacken die Titel fast alle am Ende einfach weg.)

Was es mit diesen Anklängen auf sich hat, ist nur dies: Die Beatles klauen eifriger und geschickter als früher, aber nicht, um ihren Titeln etwas Kultur beizumengen, sondern nur, weil sie alles klauen und in ihre Titel montieren, was ihnen gefällt, und das sind eben, auch fremde musikalische Elemente, selbst wenn die eine ehrwürdige Tradition haben.

Sie machen sich über sie her, weil diese Elemente für sie keine Besitztitel sind, an denen man sich nicht zu vergreifen hat, sondern einfach Materialien, die vorliegen und an denen jedermann auf seine Weise sein Vergnügen haben kann. Ob nun Paul und George von einer Reise eine Schwäche für exotische Instrumente mitbringen oder Paul eine Blaskapelle auftreten läßt oder sich eine polyphone Passage sonstwoher borgt – nie steckt mehr dahinter, als man hören kann, und das ist: Paul und George haben eine Schwäche für exotische Instrumente, Paul findet Blaskapellen lustig und die abendländische Polyphonie ein Ding. Und es verrät nur, wie die Beatles arbeiten, und nicht, daß sie auf etwas hinarbeiten, auf anspruchsvollere Nummern zum Beispiel: Sie machen es wie die seriösen Komponisten der Moderne, sie setzen in ihre Musik vorgefertigte Teile ein, und das führt zu frappierenden Ergebnissen. Die Blaskapelle in Yellow Submarine bläst wirklich alle Blaskapellen von der Szene, weil man plötzlich hört, wie komisch das ist, wenn eine Blaskapelle das Blasen anfängt, obwohl nichts Parodistisches an der Stelle ist. Denn die Blaskapelle muß nicht irgend etwas Scheußliches blasen, sondern darf sich an dem hübschen Motiv der Nummer versuchen – die gewisse, ziemlich unerträgliche Arroganz von Parodien liegt den so erträglich arroganten Beatles nicht. Und es ist der Gag mit der Blaskapelle noch nichts gegen die Textzeile in der gleichen Nummer, die Ringo bietet: Sky is blue and sea is green.

Überhaupt verstehen es die Beatles, vor allem John, der die Texte schreibt, mit Klischees auf eine Weise zu hantieren, die diese als solche deutlich ausweist und doch von deren Reiz profitiert, zum Beispiel mit dem Klischee Schlagertext, wenn es in Good Day Sunshine heißt: I need to laugh and when the sun is out I got something I can laugh about. I feel good in a special way. I’m in love and it’s a sunny day ... we take a walk, the sun is shining down ... then we lie beneath the shady tree, / love her and she’s loving me, she feels god, she knows she’s looking fine. Oder wenn sie ihren Doktor Robert zitieren, mit einem langgezogenen Well well well you’re feeling fine, well well well we’ll make you im Onkel-Doktor-Ton am Bett eines mit Nachdruck kranken Kindes.

Die Nummern der Beatles sind in diesem Sinne auch autobiographisch: Eingebaut sind nicht nur jene Anklänge an musikalische Traditionen, der Stehgeiger aus Omas Kaffeehaus, kosmische Geräusche und sonstiger Nonsens, Topoi der Gebrauchsliteratur und Sprechgewohnheiten, sondern eben auch Reiseeindrücke oder die Krise des britischen Staatshaushalts, die den vier Großverdienern alles andere als gleichgültig ist. Es ist dies der zweite Grund für das Mißverständnis, es handle sich hier um die Unterwanderung einer trivialen Form mit achtbaren Inhalten. Etwas ganz anderes ist jedoch der Fall: Es stellt sich heraus, daß das angeblich Triviale das Achtbare längst unterlaufen hat.

Uwe Nettelbeck