Einblicke in eine wenig bekannte Industriebranche: die Groschenheftproduktion

Von Gerhard Herm

Bevor sich Dr. Lutz ins Bett legte, öffnete er beide Fensterflügel bis zum Anschlag. Es war eine, laue Nacht, die trotz ihrer ländlichen Stille für den Tierarzt nicht beruhigend wirkte, sondern eher unheildrohend. Er knipste das Licht aus und legte sich hin. Er starrte grübelnd gegen die dunkle Zimmerdecke. Ihm gingen die letzten Worte Monikas nicht aus dem Kopf. Er spürte plötzlich einen nicht zu beschreibenden Schmerz, gegen den es nur ein Mittel gab: Erfüllung.“

Dieses Zitat ist einem Roman entnommen, der bei seinem Erscheinen von keinem Buchkritiker erwähnt wurde, der in keiner Buchhandlung zu erstehen ist und der dennoch die Auflage von sechzigtausend Exemplaren erreichte.

Sein Titel: „Die traurigen Augen.“

Sein Verfasser: Richard Marian. Es ist ein Autor, den es nicht gibt. Richard Marian ist ein Kollektiv aus sechs Schreibern beiderlei Geschlechts, die auf Tierarztgeschichten spezialisiert sind. In einem Kölner Verlag erscheinen ihre Produkte unter dem Serientitel „Eva-Romane“. Die – fiktiven – Kollegen Marians tragen Namen wie Ernst Heiter, G. F. Waco, McCormick oder John Drake. Jede dieser Gruppen liefert eine bestimmte Markenware, Liebesromane die eine, Krimis die andere, sogenannte Utopia-Stories eine dritte. Die Geschichten, die sie hervorbringen, werden in einer wöchentlichen Gesamtauflage von rund sechs Millionen Exemplaren, zum Preis von jeweils 70 bis 80 Pfennig, auf den Markt geworfen. Elf Verlage betreuen sie. Die größten davon sind Unternehmen von respektabler Größe – mit zwei- bis vierhundert Angestellten, mit Lektoraten, Vertriebsabteilungen, Packereien und Druckereien, mit Kantine, Telephonzentrale und graphischem Atelier. Die kleineren residieren in umgebauten Garagen, in Hinterhöfen oder in leise verkommenden Stuckvillen. Ihre Produkte werden vom Volksmund Groschenhefte genannt, der Handel bezeichnet sie als Heftromane. Die Erzeuger selbst bestehen auf dem Namen Volksliteratur.

Dieser Begriff freilich darf keineswegs ideologisch interpretiert werden, etwa in dem Sinn, daß ihre Erzeuger sich als „Verleger des Volkes“ fühlten. Im Gegenteil, sie sind harte Kapitalisten, die zu genau kalkulierten Preisen, nach exakt ausgefeilten Methoden eine Massenkonsumware fabrizieren und auf einem riesengroßen Markt vertreiben. Trotzdem operieren sie im Dunkeln. Die Öffentlichkeit, und das heißt, die an der Realität interessierten Zeitgenossen, wissen kaum etwas von ihrer Existenz. Selbst der Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen war höchst verblüfft, als er anläßlich einer Landesbereisung entdeckte, daß sich in Bergisch-Gladbach einer der größten Verlage seines Amtsbereiches befindet – ein Heftromanverlag.