Das Kernproblem des Rassenkonflikts in den Vereinigten Staaten – Soziale Schranken für Farbige

Von Richard Schmid

Nicht nur die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern die ganze Welt wird weiterhin von den Negerunruhen und den anderen Erscheinungen in Atem gehalten, mit denen die hoffentlich letzte Phase der Sklavenbefreiung abläuft. Der Prozeß ist deshalb so langwierig, so blutig und so konvulsiv, weil die Sklaverei und die Lage der Neger nach der Sklavenbefreiung durch eine tiefverwurzelte und sowohl rechtlich wie gesellschaftlich vielfältig gesicherte Rassentrennung gekennzeichnet waren – ganz im Unterschied zu den antiken Sklavereien.

Betrachtet man die Vorgänge und Symptome von außen und unbelastet von den Meinungen, Vorurteilen und Tabus, in die jeder Amerikaner hineingeboren worden ist, gewinnt man den Eindruck, daß der Konflikt noch nicht in allen seinen menschlichen Dimensionen erkannt worden ist. Die Diagnose jedoch ist Voraussetzung der Heilung. Tatsächlich war es auch ein Nicht-Amerikaner, der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal, der im Jahre 1944 in seinem großartigen Werk „An American Dilemma“ die notwendige Distanz und Freiheit aufbrachte, um die wirkliche Lage der Neger und das künstliche Gewebe der Vorurteile darzustellen, mit denen die herrschende kaukasische Rasse ihr Interesse an der Unterdrückung und Rassentrennung rechtfertigte. Von diesem Werk, von dem 1964 eine zwanzigjährige Jubiläumsausgabe erschienen ist, ging der Anstoß aus, nach etwa achtzigjähriger Stagnation den Prozeß der Befreiung wiederaufzunehmen. Es führte vor allem auch zu der Erkenntnis, daß die vom Supreme Court im Jahre 1893 gebilligte Formel „separate but equal“ nur eine Ungleichheit und eine maskierte Unterdrückung darstellte.

Auch heute noch hat man zuweilen den Eindruck, daß viele weiße Amerikaner, auch die progressiven und liberalen, und sogar die Neger selbst, noch kaum oder nur von weitem an eine der tiefsten Wurzeln des Übels vorgedrungen sind.

Im März dieses Jahres hat der Oberste Gerichtshof des Staates Virginia – des Staates, von dem aus die erste, weltgeschichtliche Proklamation der Menschenrechte, die Bill of rights von 1776, ausging – ein Urteil bestätigt, mit dem ein Bezirksrichter das Ehepaar Mildred und Richard Loving wegen rassischer Mischehe zu einem Jahr Gefängnis bestraft hatte. Die beiden (Richard weiß, Mildred farbig) hatten im Jahre 1958 in der Hauptstadt Washington (wo die Heirat möglich war) die Ehe geschlossen. Als sie in ihre Heimat zurückkehrten, wurden sie nachts aus den Betten geholt, verhaftet und beide zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde ausgesetzt unter der Bedingung, daß sieden Staat Virginia verlassen. Sie gingen wieder nach Washington.

Als sie nach Jahren mit den inzwischen geborenen Kindern zum Besuch der Eltern der Frau zurückkehrten, wurden sie wieder verhaftet. Eine Berufung an den Obersten Gerichtshof des Staates blieb ohne Erfolg. Dieses Gericht hält nach wie vor die Gesetze des Staates Virginia gegen Rassenmischung (miscegenetion) und Mischehe (intermarriage) für gültig. Diese Gesetze verbieten, daß „eine weiße Person jemand heiratet, der nicht weiß oder eine andere Blutmischung als von Weißen und amerikanischen Indianern hat“. Als weiß gilt, heißt es, „jemand, der höchstens ein Sechzehntel amerikanisches Indianerblut und sonst keinerlei nichtkaukasisches Blut“ aufweist. Wird gegen dieses Verbot geheiratet, auch außerhalb des Staates, so ist die Strafe ein bis fünf Jahre Gefängnis; daneben kann wegen Unzucht (lewd and lascivius cohabitation) bestraft werden – was der Rassenschande der Nürnberger Gesetze von 1935 entspricht. Das war, so haben die in Amerika (wie andernorts) um eine scheinbare Rechtfertigung des Unrechts nicht verlegenen Juristen argumentiert, keine Diskriminierung, kein Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichheit der Rassen; denn es werden ja beide, weiß und schwarz, bestraft und beide gleich.