Von Marcel Reich-Ranicki

Daß die Romane und Theaterstücke, mit denen unsere prominenten Schriftsteller in den letzten, sagen wir, drei Jahren aufwarten konnten, in den meisten Fällen mehr Enttäuschung als Anerkennung hervorgerufen haben, ist wahrlich kein Geheimnis. Wem jedoch daran gelegen wäre, die Ursachen dieser (natürlich sehr verschiedenen) Fehlschläge, Pannen und Niederlagen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, liefe Gefahr, komplizierte literarische Phänomene auf grobe und schließlich irreführende Weise zu vereinfachen.

Dies vorausgesetzt, möchte ich die Behauptung riskieren, daß jene Autoren, deren Talent beachtlich ist und deren Leistungen oft dennoch so fragwürdig bleiben, vor allem nicht imstande sind, ihre Fähigkeiten einigermaßen richtig einzuschätzen und daraus praktische Folgerungen zu ziehen. Den lieb’ ich, der Unmögliches begehrt? Für die Kunst jedenfalls gilt dieses Wort nicht.

Es sind eher die Anfänger, die Dilettanten und Pseudokünstler, häufig auch die Halbtalente, die unentwegt das ihnen Unerreichbare anstreben und den Himmel stürmen wollen. Und im Endergebnis, zwischen Extremen schwankend, wenig oder nichts erreichen. Künstler hingegen von einiger Bedeutung werden sich in der Regel verhältnismäßig schnell ihrer Eigenart bewußt und, mehr oder weniger klar, gleichfalls der Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Nur dieses Bewußtsein, diese Selbsterkenntnis, die auch und nicht zuletzt rein handwerkliche Fragen betrifft, kann jene Selbstkontrolle und Selbstbeschränkung bewirken, die eben manche unserer Schriftsteller, von denen wir mit Recht viel erwarten, vermissen lassen. Das hat, scheint mir, zur Folge, daß sie ihre Kräfte vergeuden und ihr Talent verschleißen; daß sie – mit einem Wort – weniger zu bieten haben, als sie bieten könnten.

Beispiele? Namen? Titel? Nein, ich glaube, es wäre doch wohl nützlicher, einmal auf ein Gegenbeispiel hinzuweisen. Hier ist es: Marie Luise Kaschnitz.

Sie hat in den dreißiger Jahren zwei Romane veröffentlicht; und später keinen einzigen mehr. Denn: "Im Roman müßte man eigentlich eine Fülle von Blickpunkten haben, und das ist etwas, was ich nicht beherrsche und was mich verwirrt."