Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Der Streit um die Frage, was ein Roman sei, wird vermutlich ebenso lange wiederholt werden wie die Frage: Was ist Kunst? Doch wenn es sich auch der Absicht und dem Willen des Autors entzieht, Kunst zu produzieren, so kann er sich sehr wohl entscheiden, was ihm (und damit den Lesern) sein Roman ist. Möglichkeiten gibt es viele. Ein Musterbeispiel an Unentschiedenheiten bietet –

Kenneth Macpherson: „Rom 12 Uhr mittags“, aus dem Englischen von Christian Spiel; Winkler Verlag, München; 429 S., 24,– DM.

Die Fabel erinnert an einen Kriminalroman – was der Waschzettel auch zart andeutet: Da ist eine schöne, verwitwete, junge, vornehme Dame der besten Gesellschaft, die fast von einer Vespa angefahren wird. Peppino, der Fahrer, wird durch die Vermittlung der schönen Adriana Chauffeur ihres Vaters, während der protokollführende Polizist zuerst zu ihrem Geliebten und dann zum zweiten Ehemann avanciert. Zuerst nimmt der Vater – Herr über unermeßliche Latifundien – den Polizisten als willkommenen Sohn-Ersatz ans feurig-römische Familientyrannenherz. Doch dann intrigiert die Geliebte des Vaters gegen den Emporkömmling Paolo, und da außerdem Adriana einen aufsässigen, fortschritttrunkenen Sohn hat und Peppino der Geliebte der Geliebten wird, einen Verbrecher zum Freund, eine Dirne zur Schwester und den schwachen Charakter eines Feiglings hat, gibt es Einbruch, Strichjungenjargon, Mord, Enterbungen, jähe Tode und tosende Leidenschaften zuhauf. Alle deus-ex-machina-Effekte der Klamotte werden unter entschuldigendem Hinweis auf die Barockhaftigkeit des bis heute barocken Rom frisch geölt und vorgeführt.

Mit gleicher Unbefangenheit wird das Stück melancholisch-modisch ausgestattet: Die Atmosphäre teuerster Antiquitätengeschäfte (viel Barock) samt reichlicher Verwendung hochadeliger oder superbritischer Statisten sollen aus dem gefühlsrünstigen Krimi ein Gesellschaftsstück machen, und dies Gesellschaftsstück wird wiederum durch die sonst nur im deutschen Roman bekannte Verwendung eines erhabenen Stils zum Quasi-Kunstwerk aufgeputzt.

Die Bösen sind sichtbar böse und (auch als Männer) heftig geschminkt. Der Adel weint nicht, kleidet sich teuer, aber geschmackvoll und ist auch in der Bosheit bewunderungswürdig. Geliebte tragen auffallenden Schmuck und kreischen im Affekt, und Domestiken sind entweder treu oder eben Domestikennaturen. Die Helden haben ätherische Gefühle: „Verhaltene Zärtlichkeit zittert in den Fingerspitzen“ Adrianas, der „das wache Herz den geheimnisvollen Kräften ihrer Stadt entgegenschlägt.“ Mit Sätzen wie „die alte Welt ist zu alt; die neue noch zu neu. Aber sie muß sich weiter bewegen, einem Kometenschweif neuer Konzeptionen nach“ wird über den Gegensatz Europa–USA philosophiert, und damit auch die letzten Probleme berührt sind, schließt der Roman mit rhetorischen Fragenketten über Zufall, Lebenssinn, Gott und Untergang.

Zeitgeschichtliche Fragen. Liebesroman. Kriminalfall. Entwicklungspsychologische Situationen – alles ist vorhanden, alles ist todernst gemeint, und alles wirkt wie eine Parodie auf Romane, die nur eins von diesem allen sind, und enthüllt sich zum guten Schluß durch die Edeleigenschaften der Herren und Damen der Aristokratie als reines Getändel.