Von Hans-Geert Falkenberg

Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen.

Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.

Der Lektor eines größeren deutschen Verlages etwa eine Woche nach der Buchmesse: er liest keine Manuskripte, er korrigiert keine Übersetzung, er redigiert keine Bibliographie. Er geht daran, aus einem Gewirr von Zetteln, Notizblöcken und eng bekritzelten Visitenkarten, aus Erinnerungen an viele Gespräche auf vielen Empfängen die Messe für seinen Verlag auszuwerten. Bei dem Bild dieses Armen ohne Hilfe mag man an Sisyphus oder Tantalus denken oder, etwas weniger antik, an das oben zitierte arme Aschenputtel.

Was hat es in Frankfurt gegeben? Mehr ausgestellte Bücher, mehr ausstellende Verlage, vertretene Länder, einmal mehr eine Messe der Superlative. Ob dieser steigenden Zuwachsrate aber droht unserem Lektor die Übersicht immer mehr zu entgleiten („kommt und helft mir lesen“).

Ist er so verlassen, wie er sich fühlt, oder täuscht er sich gar über seine Funktion? Kommt es am Ende auf seine Arbeit, seine Lektüre und sein Urteil gar nicht mehr an? Hat sein Stündlein, die Stunde des Lektors als des geistig Führenden eines Verlages, bereits geschlagen, und leben wir schon in der Ära des literarischen Agenten?

Was das ist – ein literarischer Agent? Sein Name erscheint weder in einem Buch noch auf einem Schutzumschlag – wie also sollte man ihn kennen? Man fände ihn, wenn man die Visitenkarte der amerikanischen Verleger zu Rate zöge, auf der groß und hart die drei Initialen LMP (deutsch: Literary Market Place) stehen: ein Adreßbuch, auf dessen sechshundert Seiten sich zwar kein Autorenname, aber unter anderem die Anschriften von einhundertzwanzig amerikanischen Agenten finden.