München

Daß wieder einmal von „Lübke-Dokumenten“ aus der Zeit des Dritten Reiches die Rede ist, geht auch auf das Konto des „Münchner Rationaltheaters“, eines politischen „Dokumentationskabaretts“. Texter Hannes Stütz stieß eines Tages bei Bekannten auf Lübke-Dokumente, setzte sich hin und schrieb fürs nächste Programm eine Nummer: „Ehrenerklärung für Lübke“. Dem Präsidenten wurde der Dank des Vaterlandes ausgesprochen, daß er es fertiggebracht habe, die Vergangenheit zu bewältigen, daß er sich im Handbuch des Bundestages als politisch Verfolgter ausgegeben habe und damit eine Vita ohne Ecken und Kanten präsentiere, ganz wie es dem westlichen Nachkriegsdeutschland guttue.

Das Publikum aber zog nicht mit. Es war befremdet. So wurde Stütz nach Ostberlin geschickt, um alle erreichbaren Dokumente zu besorgen. Stütz kam mit reicher Ausbeute heim. Eine Ausstellung in den Schaukästen des Theaters sollte beweisen, daß Heinrich Lübke keineswegs politisch verfolgt gewesen, sondern ein maßgeblicher Mitarbeiter der „Baugruppe Schlempp“ und auch mit dem Bau von Konzentrationslagern befaßt gewesen sei. Die ausgestellten Bilder und Photokopien waren mit Versen versehen. So war unter einem Photo des Präsidenten Lübke zu lesen: „Unser Präsident, wie ihn jeder kennt“; unter Lübke in Peenemünde: „Und auch aus der hintern Reihe, strahlt er Redlichkeit und Treue“; unter Bildern vom Lager Neu-Staßfurth, dessen Baupläne die Unterschrift „Lübke“ tragen: „So schlicht, wie Lübke spricht und schaut, genauso hat er auch gebaut.“

Das Dementi des Bundespräsidialamtes war „ein bißchen dünn“, wie die Kabarettisten fanden. Die Unterschrift sei gefälscht, hieß es aus der Villa Hammerschmidt. Dafür gaben die Aussteller bekannt, sie hätten noch Material für sieben weitere Ausstellungen.

Doch dann kam die Kriminalpolizei. Sie hatte einen Beschlagnahmebeschluß des Amtsrichters Handel und einen Durchsuchungsbefehl für das Theater. Die Ausstellung wurde ausgeräumt, die Theaterräume durchsucht. Freilich warteten die eifrigen Kriminalisten nicht erst ab, bis die Betroffenen zur Stelle waren. Sie hatten ihre eigenen Schraubenzieher dabei und machten sich an die Schaukästen.

Daß sie bald darauf auch eine zweite Ausstellung, die Fortsetzung der ersten, ausräumten, fand eine eigenartige Begründung: Der Beschlagnahmebeschluß des Richters habe „andauernde Gültigkeit“. Die Kabarettisten, die es auf den Prozeß anlegen, stellen vorläufig nicht weiter aus: Sie wollen der Kripo die weitere Benutzung ihres Beschlagnahmeabonnements ersparen. Statt dessen pochen sie in einer Beschwerde ihres Rechtsanwalts auf den Paragraphen 95 des Strafgesetzbuches, der nicht nur die „Verunglimpfung des Bundespräsidenten“ unter Strafe gestellt, sondern auch in Absatz 4 bestimmt, daß die Strafverfolgung nur auf Antrag des Präsidenten erfolgen kann. Gerade diese Ermächtigung liegt aber nicht vor, nur eine Pressemitteilung des Präsidenten mit der Erklärung, eine Unterschrift „Lübke“ sei gefälscht.

Gerade hier will nun das „Rationaltheater“ einhaken. Die Kabarettisten wollen sich nicht auf Legalitäts-Mängel berufen. Sie wollen wissen: Warum gibt es keine klare Stellungnahme des Bundespräsidenten: „Das habe ich getan und das nicht.“ Thilo von Uslar