Von Arnulf Baring

Reinhold Maier: Erinnerungen 1948–1953. Rainer Wunderlich Verlag (Hermann Leins), Tübingen. 19,80 DM.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Nach Zeitungsmeldungen haben Sie ‚als frommer Katholik‘ der von den Düsseldorfern irregeleiteten FDP ‚einige Jahre Fegefeuer‘ gewünscht. Als guter Protestant wünsche ich, daß es Ihnen noch reicht, Ihre Sünden wider die Demokratie im Diesseits abzubüßen. Das ist ein nicht minder frommer Wunsch. Denn dann ist Ihnen ein sehr, sehr langes Leben beschieden. Ihr sehr ergebener Reinhold Maier.“

Auf dieses Telegramm antwortete Adenauer: „Sehr geehrter Herr Ministerpräsident! Ich bekomme Ihr Telegramm vom 27. September. Ich danke Ihnen für Ihre Güte. Ich möchte aber hinzufügen, daß das deutsche Wort ‚Fegefeuer‘ eigentlich kein gutes Wort ist. Es handelt sich um ein Purgatorium, um einen Aufenthalt, der nicht von Qualen beeinträchtigt ist, aber die Möglichkeit zur Einkehr bietet. Ihr sehr ergebener Adenauer.“

Diesen telegraphischen Austausch frommer Wünsche wird man in den „Erinnerungen“ des Altbundeskanzlers vergeblich suchen; bei Reinhold Maier wird man ihn – wie viele solcher Episoden – finden. Schon dieses Beispiel zeigt den Unterschied zwischen beiden Autoren. Die beiden großen alten Männer der westdeutschen Politik, der Bonner Regierungschef und der schwäbische Ministerpräsident, waren lange politische Gegner (obwohl – oder weil – sie sich in ihrer politischen Begabung durchaus aneinander messen konnten und obwohl sie in ihren politischen Grundauffassungen gar nicht so weit voneinander entfernt waren); sie sind auch als Schriftsteller Gegensätze geblieben.

Die Meriten des Maierschen Buches zeigen sich deutlich bei einem Vergleich mit denen Adenauers. Wohl jeder Leser der „Erinnerungen“ des früheren Kanzlers ist überrascht und enttäuscht von der distanzierten Kühle und unpersönlichen Sachlichkeit dieses für seinen Verfasser völlig untypischen Geschichtswerkes; die Persönlichkeit, der Regierungsstil dieses rheinischen Staatsmanns sind einfach ausgelassen. Da Adenauer den Ehrgeiz hatte, die authentische Geschichte seiner Regierungszeit zu schreiben, hat er auf all das verzichtet, was den Reiz von Memoiren ausmacht und meiner Meinung nach ihre eigentliche Aufgabe ist: die ganz subjektiven Eindrücke und Meinungen ihres Autors festzuhalten und damit seine Gestalt dem Leser plastisch vor Augen zu stellen. Beim Altbundeskanzler wohnen wir fast ausschließlich Staatsaktionen bei: Noten, Verhandlungen, Konferenzen. Akten sprechen. Nüchternheit ist Trumpf.

Auch Reinhold Maier schildert politische Vorgänge, erwähnt Konferenzen und Dokumente. Aber darin erschöpft er sich nicht. Maier ruft uns die simple, bei Adenauer unterdrückte Wahrheit in die Erinnerung, daß sich politische Kräfte und Tendenzen in Menschen verkörpern, daß diese Menschen mit allen ihren Eigenheiten die Entscheidungen treffen, aus deren Summe die Politik besteht, und daß sich der erfolgreiche Politiker an der Fähigkeit beweist, andere für sich einzunehmen und den eigenen Zielen nutzbar zu machen.

Gerade Adenauer und Maier beherrschten diese Kunst in hohem Maße, aber während die „Erinnerungen“ Adenauers das nicht ahnen lassen – sie sind langweilig, was ihr Autor niemals war –, läßt uns Maier an seinen Erfahrungen mit Menschen teilhaben. Anders als bei Adenauer, der den Anschein erweckt, als habe er seine Politik allein entworfen und ins Werk gesetzt, der seine Mitarbeiter kaum nennt, geschweige denn würdigt, tauchen bei Maier fast auf jeder Seite Menschen auf, werden mit einigen Worten skizziert, oft mit eigenen Äußerungen charakterisiert.

So heißt es etwa vom Finanzminister Heinrich Köhler, einem Mitstreiter Maiers für den Südweststaat: „Er war ein Mann unruhigen Geistes, und es war nicht zu empfehlen, mit ihm schlecht zu stehen, aber auch nicht ohne Gefahr, mit ihm gut zu stehen – am günstigsten schien mir die Mittellage: leicht gespannt.“ Eine Fülle vor allem badischer und schwäbischer Persönlichkeiten wird dem Leser vertraut, mit ihnen kommt ihm die Landschaft nahe, aus der sie stammen. „Alles ist nahe“ – hat Albrecht Goes in seinem schönen Essay über Schwaben gesagt – „und das meiste Leben im Land kennt sich noch, wie man in einer weitverzweigten Familie sich auch noch gerade kennt.“ Maier, ein großer Wanderer („ganze Landkarten habe ich wandernd hinter mich gebracht“), kennt Land und Leute seiner Heimat wie kein zweiter, ihre Geschichte, ihre Probleme, ihre Möglichkeiten – Urbild des Landesvaters.

Aber welchen Landes? Als General Eisenhower ihn im September 1945 zum Ministerpräsidenten ernannte (sechs Jahre später sagt er anerkennend zu Maier: „Tour are my baby. You have done a very good job“), wurde Maier nicht Regierungschef eines Landes, sondern zweier Länderfragmente, deren südliche Teile als selbständige Staaten an eine andere Besatzungszone gefallen waren. Die größte geschichtliche Leistung Maiers ist sicherlich sein entscheidender Anteil am Zustandekommen des Südweststaates, dieser Vereinigung dreier Teilstücke zum neuen Bundesland Baden-Württemberg.

Dieses unvorstellbar mühsame und langwierige Unternehmen („vierzig Monate lang habe er eine Eselsgeduld gehabt; jeden Monat sei eine neue Sauerei passiert“, sagte Maier einmal im Gespräch) ist das zentrale Thema des Memoirenbandes. Dieser Erlebnisbericht eines der wichtigsten Mitkämpfer ist durchaus nicht nur für die „Betroffenen“, ist auch für Leser außerhalb der baden-württembergischen Landesgrenzen aufschlußreich. Man verwendet heute in der politischen Wissenschaft viel Fleiß darauf, den Weg politischer Entscheidungen, den Entscheidungsprozeß, vom Gedanken und Entwurf bis zur Verwirklichung zu rekonstruieren – meist mit mäßigem Erfolge, weil wesentliche Vorgänge der wissenschaftlichen Analyse nicht zugänglich sind: Entscheidendes ist nicht schriftlich festgehalten. Anderes wird erst nach Jahrzehnten greifbar. Indem Reinhold Maier die Menschen und Kräfte der damaligen Kämpfe uns vor Augen stellt – durchaus, parteiisch, durchaus polemisch – zeigt er mit seinem Beitrag zur Entstehungsgeschichte Baden-Württembergs besser, was es mit der Politik auf sich hat, als viele gelehrte Abhandlungen.

Aber in den Erinnerungen eines der bedeutendsten Ministerpräsidenten der Nachkriegszeit ist nicht nur von seinem Land, seinen lokalen Problemen die Rede – wie wichtig, wie exemplarisch sie auch sein mochten.

Vor Gründung der Bundesrepublik wurde deutsche Politik, wenn überhaupt, in den Staatskanzleien der Länder gemacht; die Länder haben den Parlamentarischen Rat und das Grundgesetz aus der Taufe gehoben. Auch später sind sie, durch den Bundesrat, von beträchtlichem Einfluß geblieben. Wenn Maier von der westdeutschen, der Bundesrepublik spricht, tauchen alle damals bekannten Namen auf; so werden diese Teile außerhalb des Südwestens vielleicht das größte Interesse finden.

Besonders beim Kampf um die Westintegration, um Generalvertrag und Europäische Verteidigungsgemeinschaft, war der Stuttgarter Ministerpräsident in einer Schlüsselposition: einmal als Präsident des Bundesrates im entscheidenden Jahr 1952/53, vor allem jedoch als Chef einer Koalition von Sozialdemokraten und Freien Demokraten, die im Bundesrat den Ausschlag zwischen Anhängern und Gegnern der Verträge gab; stimmte Baden-Württemberg gegen die Vertragswerke, mußten sie scheitern. Wie man Maier mit Lockungen und Drohungen in das Lager der Regierungskoalition zu ziehen versuchte, ist höchst ehrreich zu lesen – ein Blick in die Küche der Politik!

So ließ Adenauer den Ministerpräsidenten wissen, wenn er zustimme, daraufhin die Sozialdemokraten die Koalition verließen und durch die Christlichen Demokraten ersetzt würden, wolle man ihn, Maier, als Regierungschef behalten, obwohl die Christlichen Demokraten in Stuttgart doppelt so stark wie die Freien Demokraten seien. Theodor Heuss war dabei, wie Maier schreibt, „die Rolle eines Bürgen für den geplanten Handel zugeschoben“ worden. Indessen wurde aus der Sache nichts, worauf Maiers eigene Bundespartei, die Freien Demokraten, der Bonner Koalitionspartner Adenauers, den Ministerpräsidenten derart unter Druck setzten, daß er den Rückzug antreten mußte. Nachdem sich der Bundesrat zunächst für eine Vertagung ausgesprochen hatte, um eine verfassungsrechtliche Klärung der Streitfragen herbeizuführen, passierten drei Wochen später die Verträge doch noch den Bundesrat. Konrad Adenauer hatte einen gefährlichen Gegner – vielleicht den einzigen, der ihm an Geschick und Schläue ebenbürtig war – am Ende aus dem Felde schlagen können.

Spätestens jetzt, beim Kampf mit der Feder, hat aber Reinhold Maier seinen alten Widersacher als Memoirenschreiber überrundet.