Von Fritz Sänger

Willi A. Boelcke: Kriegspropaganda 1939-1941, Geheime Ministerkonferenzen im Reichspropagandaministerium. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. 765 Seiten, 86,– DM.

Ob es wirklich ernst gemeint ist, wenn heute zuweilen ein Zeitgenosse äußert, man brauche „einen Goebbels“, um den Massen in unserem Volke die Notwendigkeiten und den Sinn der politischen Entscheidungen verständlich zu machen? Wer die sogenannte Volksaufklärung jener Jahre des Hitler-Regimes so wertet, der hat nicht begriffen, was damals geschah. Vielleicht auch deshalb gibt es noch heute bis in die höchsten Spitzen der politischen Hierarchie heimliche und offene Anhänger eines neu zu errichtenden Ministeriums für Information – und gemeint ist für Volksaufklärung und Propaganda –, mit dessen Hilfe man Machtpositionen und die eigene Anschauung endgültig (tausendjährig?) sichern möchte.

Wer solchen Gedanken nachhängt, der findet in diesem vorliegenden Buche mit Präzision Menschen, Methoden und Apparat dargestellt, die Voraussetzungen für eine Volksaufklärung und für Propaganda der Art, wie sie damals für nützlich befunden wurde. Ich habe noch keine gründlichere Darstellung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda gelesen, wie die Goebbels-Apparatur amtlich hieß. Einzelvorgänge und Gesamtaktion sind mit einer Sorgfalt nachgezeichnet worden, die jede Anerkennung verdient. Es ist eine bemerkenswerte Leistung, sich in diesem Labyrinth von Lug und Trug, von Täuschung, ideologischer Inbrunst und ehrlicher Gläubigkeit so zurechtgefunden zu haben, wie es dem Verfasser gelungen ist.

Der Titel des Buches deckt seinen Inhalt nicht vollständig. Es wird darin nicht nur über Kriegspropaganda berichtet, sondern zunächst und vor allem über die Voraussetzungen dieser Tätigkeit, also über das Haus, das Ministerium und seine Menschen, vom Minister bis zu den Mitarbeitern, die Goebbels’ Willen in die Presse-, Rundfunk- und Filmredaktionen trugen und dort seine Beachtung erzwangen. Die Personen und die Techniken ihres Wirkens, die Prinzipien und die Methoden der Presselenkung und Meinungsdiktatur werden aus den Zeugnissen der zum Teil engsten Mitarbeiter jenes teuflischen Helfers Hitlers geschildert. Vor einem von soviel geballter Willenskraft, von so heimtückischer Intrige, von so kleinlicher Menschlichkeit erschreckenden Leser entsteht das wahrhafte Bild des Infernos, das damals im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (in der heute vornehm so genannten Öffentlichkeitsarbeit) täglich und stündlich geboten wurde.

Die Dokumentation des Buches umfaßt 554 Seiten, die wichtige und wirklich aufklärende Einleitung 211. Was bei der Lektüre der Dokumente unverständlich, vielleicht gar unwichtig erscheinen würde, wird durch die Analyse der Tatsachen und die Schilderung der und vor allem des bestimmend agierenden Menschen unheimlich begreiflich. Die Propaganda von Goebbels bezog die Lüge, die ausgeklügelte, tückische Umkehr aller Werte planvoll und überlegt in sein Treiben mit ein. Er benutzte den Nationalsozialismus soweit möglich und legte ihn jeweils neu aus, so weit nötig, zuweilen durchaus originell, verblüffend, erschreckend. Alles war einem Zweck untergeordnet. Es war, was dort geschah und gewollt wurde, sorgfältig geplante, dosierte, abgestimmte und je, nach den Empfängern frisierte Täuschung. Der Leser wird, vor allem bei der Lektüre der Dokumente, sehr bald ein sicheres Gefühl dafür bekommen, daß nicht nur Klugheit oder Schläue die Aktionen des Joseph Goebbels leiteten. Immer beherrschender brachten ihn Arroganz, Dünkel und Maßlosigkeit dazu, nicht mehr zu erkennen, daß jede Zweckpropaganda wie jede redliche Aussage der Bereitschaft des Hörenden oder Lesenden bedarf, zu glauben und zu akzeptieren. Das Klima der Wahrhaftigkeit ist denen fremd, die meinen, Politik könne nur für den nächsten Tag „gemacht“ werden.

Jene Propaganda nahm keine Rücksicht auf den anderen Pol. So erzeugte sie nicht fruchtbare Spannung, sondern Terror und wurde schließlich auch von undifferenzierten Massen als Bevormundung empfunden. Das von Boelcke gezeichnete Porträt von Goebbels und die Skizzen der Mitarbeiter dieses Dämons sind unentbehrlich für das Verstehen des Geschehenen, das um so mehr, als Boelcke sich vor Verzerrungen hütet und eher Bereitschaft zeigt, positive Farbtöne zu betonen. Es sei fraglich, meint der Verfasser, „ob es einen Hitler gegeben hätte, so wie ihn die Welt schließlich bis zum bitteren Ende kennenlernen mußte“, wenn Goebbels ihn nicht beeinflußt und das Bild Hitlers in der öffentlichen Meinung geprägt hätte.