Wolgang Abendroth: Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie in der Bundesrepublik, Stimme-Verlag, Frankfurt. 150 S., 9,80 DM.

Vier Aufsätze Wolfgang Abendroths sind in diesem kleinen Band zusammengefaßt. Der Autor untersucht den politischen Auftrag, der in der Formel des Grundgesetzes steckt, die Bundesrepublik sei ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat; er kritisiert die Denkschrift der evangelischen Kirche zur Eigentumsfrage und analysiert die soziale Struktur Westdeutschlands; er entwickelt schließlich Thesen zur innerparteilichen und innerverbandlichen Demokratie. Den Beiträgen sind das Ahlener Wirtschaftsprogramm der Christlichen Demokraten (1947) und ihre wirtschaftspolitischen Leitsätze (1949), die wirtschaftspolitischen Grundsätze des Deutschen Gewerkschaftsbundes (1949) und die Eigentumsdenkschrift der evangelischen Kirche (1962) beigefügt. Welche Gründe Abendroth veranlaßt haben, entsprechende Aussagen der neuen katholischen Enzykliken oder des Godesberger Programms der SPD nicht aufzunehmen, bleibt unklar.

Der Rezensent gesteht, daß ihn vom Autor dieses Bandes eine unterschiedliche Auffassung von Wesen und Ziel des freiheitlichen Sozialismus und zugleich von wesentlichen Kategorien wissenschaftlicher Arbeit trennt. Nichtsdestoweniger hat er die Studie nicht nur mit Kopfschütteln, sondern gelegentlich mit Gewinn gelesen. Abendroth plädiert für die gleiche Chance aller Schichten unserer Gesellschaft bei der Gestaltung des Wirtschaftslebens und in der Bildung. Zwei seiner Feststellungen sollte man in diesem Zusammenhang bedenken: „Das Bildungsproblem hängt mit der wirtschaftsgesellschaftlichen Struktur aufs engste zusammen: einer hierarchisch gedachten Wirtschaftsgesellschaft entsprechen eine Bildungsbeschränkung für die breiten Massen und ein hierarchisch gestaltetes Bildungswesen,“ Und:

„Man erkennt, daß kapitalistisch-strukturierte Industriegesellschaften den für ihre eigene Existenz erforderlichen Bildungsstand der Massen ihrer Arbeitnehmer jeweils erst nach Entwicklung ihrer Produktivkräfte hergestellt haben.“

Einer scharfen Polemik unterzieht Abendroth die Denkschrift der evangelischen Kirche zur Eigentumspolitik. Er wirft den Verfassern vor, in der Ideologie des Eigentumsdenkens befangen zu sein, setzt aber dieser von ihm vermuteten ideologischen Verblendung eine Art Anti-Eigentumsideologie entgegen, die in der Sache nicht weiterführt.

Die Marxisten vom Schlage Abendroths haben sich immer noch nicht von der Vorstellung lösen können, daß eine Analyse der Herrschaftsverhältnisse unserer Gesellschaft zwar an den Produktionsverhältnissen nicht vorbeigehen kann, aber in ihrer so oder anders gearteten Gestaltung nicht den einzigen oder auch nur den entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der Herrschaftsstruktur finden wird. Die „linken“ Analytiker sollten den von ihnen getadelten „rechten“ Pragmatikern nicht ständig mit dem ceterum censeo ihres Hinweises auf die Produktionsverhältnisse kommen. Beide sollten vielmehr einmal untersuchen, wo die gegebenen Herrschaftsverhältnisse der Industriegesellschaft durch unaufhebbare Strukturen bedingt, also nicht veränderbar und allenfalls kompensierbar sind, und wo sie durch politische, institutionelle oder pädagogische Reformen gemildert oder aufgehoben werden können. Das würde nicht nur die sozialwissenschaftliche, sondern auch die politische Diskussion beleben können.

Abendroth ordnet Fakten und Einsichten in ein vorgegebenes theoretisches System ein, das der Rezensent für zuwenig differenziert hält. Er kommt dennoch zu wichtigen Aussagen in der Detailanalyse. Eine größere Unbefangenheit in der Auseinandersetzung mit seinen wissenschaftlichen Widersachern und seinen politischen Gegnern könnte Abendroth bei seiner Urteilsbildung ebenso helfen, wie es seinen Gegenspielern gut bekommen würde, wenn sie in ihm und seinesgleichen nicht nur wissenschaftliche Querulanten und politische Störenfriede sehen würden. Aber wer tut hier den ersten Schritt? Ulrich Lohmar