Frankfurt/Main

Ein Kinoplakat von überdimensionaler Größe bestimmt das Fassadenbild eines der Häuser in der Nähe der Frankfurter Hauptwache. Der Titel des im Cinema-Kino der Main-Metropole demnächst anlaufenden Filmes wird in optisch wirksamen Lettern dem Passantenstrom ins Gedächtnis projiziert: „Wie klaue ich eine Million.“ Doch ein bisher noch Unbekannter hat den Hauptdarstellern Audrey Hepburn und Peter O’Toole die Schau gestohlen.

Er beantwortete diese Frage auf eine für den Weltflughafen Rhein-Main recht peinliche Art: Er nahm, gewissermaßen im Vorübergehen einen Frachtsack mit, der mit Banknoten verschiedener Währungen prall gefüllt war. Mehr als eine Million hatte er im Handumdrehen in seinen Besitz gebracht. Es ist der größte Diebstahl, den man in der Rhein-Main-Geschichte registrierte, und der peinlichste dazu.

Eines steht heute schon fest: Der Frankfurter Millionenraub wird als einer der größten Schildbürgerstreiche dieses Jahrzehnts in die Kriminalgeschichte eingehen. Was sich Englands Bankräuber in mühsam erdachter „Generalstabsarbeit“ und unter Aufwendung von beachtlichem Betriebskapital erbeuteten, fiel in prozentual weit höherem Anteil einem cleveren Einzelgänger in die Hände. Die unglaubliche. Geschichte, die man in der Stadt belächelt wie eine gelungene Köpenickiade, begann damit, daß man an verantwortlicher Stelle die Nachricht vom Raub zunächst für einen Scherz hielt. Erst mit der Verspätung von einer Dreiviertelstunde wurde die Behördenmaschinerie mühsam in Gang gebracht. Diese Zeit brachte dem Dieb einen entscheidenden Vorsprung. Daraus, daß ein ungeordnetes Abfertigungssystem und gewisse Leichtfertigkeiten im Umgang mit Wertsachen dem Gangster die „Arbeit“ ungemein erleichterten, machen die mit dem Fall betrauten Kriminalisten keinen Hehl. Die Vokabel „Schlamperei“ wurde in diesem Zusammenhang mehrfach gebraucht.

Eine Schlüsselfigur in dem reichlich mysteriösen Tatablauf ist der 24jährige Bernd Förster. Er ist der Fahrer eines jener gelben Lufthansawagen, die ohne polizeiliche Kennzeichen auf dem Flugfeld fahren dürfen. Seit einem knappen Jahr ist er bei der Lufthansa beschäftigt. Zu seinen Kompetenzen gehört es, als Mitarbeiter der Frachtabteilung seiner Gesellschaft die Importfrachtpapiere von den Flugzeugen zu holen und sie in die Büros zu bringen. So steuerte er am Dienstag, dem 13. September die Caravelle der jugoslawischen Fluggesellschaft JAT an, die fahrplanmäßig um 10.25 Uhr eintrifft. Die Frankfurter Belange der JAT werden von der Lufthansa vertreten. Um 10.39 war die Caravelle an ihrer endgültigen Halteposition 20 angelangt und entladebereit.

Ein 46jähriger Lufthansa-Angestellter mit französischen Sprachkenntnissen überprüfte den Frachtschein und stellte fest, daß es sich bei dem Sackinhalt um Banknoten im Werte von mehr als einer Million Mark handelte, die von der „Narod-Banka“ in Belgrad an die Bundesbank unterwegs waren. Er übergab daraufhin Förster das 17 Kilo schwere Gepäckstück, der es wie einen Lumpensack in seinem Auto verstaute, um es auf den Weg zum besonders abgesicherten Wertraum des Frachtgebäudes zu bringen. Unterwegs indessen muß dem Fahrer eingefallen sein, daß er „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ könne, und fuhr mit seiner Ladung zunächst zu seinem Büro, wo er von 11.10 Uhr bis 11.25 Uhr noch die Landung einer weiteren Maschine abwarten wollte. Während er im Büro Zeitung las, stand sein Fahrzeug unbewacht und unverschlossen vor der Tür. Als Förster seine Lektüre beendet hatte, war das Auto weg.

Förster glaubte, wie er den skeptischen Kriminalisten später erzählte, zunächst an einen Scherz seiner Kollegen. Deshalb sei er auch erst eine gute Viertelstunde über das Vorfeld gerannt und habe seinen verschwundenen Wagen gesucht. Erst nach dieser Zeitspanne habe er das Verschwinden seinem Vorgesetzten gemeldet. Um 11.45 Uhr schließlich, also eine volle Stunde, nachdem Förster den Empfang der Million quittiert hatte, löste die Flughafenpolizei Großalarm aus.