Der französische Militärwissenschaftler und Rußland-Kenner Michael Garder kommt in seinem Buch Agonie des Sowjetsystems zu einem überraschenden Schluß: „Das gegenwärtige politische System in der UdSSR wird sich nicht über das Jahr 1970 hinaus halten können. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird der Machtkampf zwischen Apparatschiks und der neu aufkommenden technischen Elite entschieden sein: Die Partei muß ihren Thron räumen und den Technokraten Platz machen.“

Diese mehr provozierende als fundierte, mehr verblüffende als ernstzunehmende These hat die angesehene Zeitschrift Problems of Communism dazu angeregt, die bekannten Sowjetologen Wolfgang Leonhard und Zbigniew Brzezinski sowie den amerikanischen Historiker Arthur Schlesinger zu fragen, wie sie die Zukunft der UdSSR beurteilen.

Wolfgang Leonhard steht auf dem Standpunkt, zwischen Apparatschiks und technologischer Elite gebe es keine scharf abgrenzbaren Fronten. Immerhin seien 33 Prozent der Technokraten Parteimitglieder, und die Partei unternehme große Anstrengungen, ihre Mitglieder technisch zu schulen. Leonhard meinte weiter, man müsse den Spannungszustand zwischen Partei und Technokratie als eine von vielen anderen Schwierigkeiten werten, die Rußland bedrängten. Er denke dabei an Fragen der Verteidigung, die wachsende Autonomie der Satelliten-Staaten, die Beziehungen zu den unterentwickelten Ländern und nicht zuletzt an all die Probleme, die die Industrialisierung für die sowjetische Bevölkerung heraufbeschwört.

Im übrigen, meint er, sei es weder so, daß die Partei immer den Fortschritt hemme, noch daß die Technokraten ausschließlich vernünftige und vorausschauende Pläne hegten. Vielmehr seien auch hier die Grenzen fließend, und die für Garders Thesen notwendige Typisierung „progressive gegen reaktionäre Kräfte“ schon aus diesem Grunde unrealistisch.

Im ganzen werde die KPdSU immer mehr die Funktionen eines Dirigenten übernehmen, der nur noch dirigiert, aber nicht mehr jedes Instrument selber spielen will. Die Partei werde den Forderungen der technischen Intelligentsia dadurch entgegenkommen, daß sie dieser in Militär, Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst einen autonomen Raum zugesteht, dabei aber gleichzeitig die Oberaufsicht behält. Eine solche Entwicklung könne mit der Zeit zu einer Art Pluralismus führen, aber ganz gewiß nicht zum Umsturz.

Professor Zbigniew Brzezinski, Rußlandspezialist und Mitglied des Planungsstabs im State Department, erwiderte auf die Fragen von Problems of Communism, die gegenwärtige sowjetische Führung sei ihrem Stil nach bürokratisch und ihrer Form nach völlig unpersönlich; es werde ohne eigene Initiative und möglichst nach Vorbildern regiert. Ein solcher Zustand bedeute auf lange Sicht eine Gefahr für die Lebensfähigkeit jedes politischen Systems. Denn die soziale Evolution hänge nicht nur vom Vorhandensein schöpferischer Einzelpersönlichkeiten ab, sondern von der Existenz schöpferischer Gruppen, die gemeinsam die soziale Erneuerung vorantreiben. Man müsse Zweifel an der Lebensdauer einer Organisation hegen, die so aufgebaut sei, daß ihre Personalpolitik beinahe unbewußt der Feind aber Talente und jeder politischen Neuerung sei.

Professor Brzezinski meinte weiter, die Führungselite der Sowjetunion verliere in zunehmendem Maße die Fähigkeit, die Ziele des politischen Systems in Beziehung auf die Gesellschaft zu definieren und ihnen in wirksamen Institutionen Ausdruck zu verleihen. Die Führung sei sich dieser Situation einigermaßen bewußt, und es komme nun darauf an, wie sie in Zukunft reagieren werde: Ziehe sie die Zügel an und schränke die individuelle Freiheit ein, so könne es vielleicht zu Garders Revolution kommen, finde sie aber den Mut zu institutionellen Reformen, so wäre auf die Dauer ein pluralistisches System – wenn auch mit Einparteienherrschaft – denkbar.