Stockholm, im September

Seit 1931 haben die schwedischen Sozialdemokratenbei keiner Wahl so schlecht abgeschnitten wie am vergangenen Sonntag bei den Gemeinde- und Landtagswahlen. Der Stimmenanteil der Sozialisten verringerte sich im Vergleich zu 1962 um mehr als acht Prozent: auf 42,3 Prozent. Die drei bürgerlichen Parteien – Konservativen, Zentrum (Agrarier), Liberalen – eroberten mit 50,3 Prozent die absolute Mehrheit. Nach Auszählung der Briefwahlstimmen wird sich das Verhältnis vermutlich noch weiter zugunsten der Bürgerlichen verbessern.

Seit Jahrzehnten galten die Sozialdemokraten als unschlagbar. Der Erdrutsch vom 18. September wird das innenpolitische Klima in den nächsten Jahren wesentlich verändern. Zwei Entwicklungen zeichnen sich ab.

1. Die Sozialdemokraten werden noch mehr als zuvor auf die Unterstützung der Kommunisten angewiesen sein, die in dieser Wahl ihren Stimmenanteil erneut erhöhten (von 5 auf 6 Prozent). In einigen Landes- und Kommunalparlamenten muß eine „Volksfront“ gebildet werden, um die bürgerlichen Parteien weiterhin in der Opposition zu halten. Das zwingt die Sozialdemokraten zu einer markanteren „sozialistischen“ Politik.

2. Die Sammelbestrebungen im bürgerlichen Lager haben Aufwind bekommen. Eine erste Wahlanalyse zeigt, daß die drei Oppositionsparteien in all jenen Wahlkreisen besonders erfolgreich waren, wo sie mit gemeinsamen Listen gegen die Sozialdemokraten antraten. Die Opposition wird in Zukunft vermutlich noch geschlossener vorgehen.

Die unmittelbaren Konsequenzen des überraschenden Wahlausgangs sind noch unklar. Regierungschef Tage Erlander deutet noch in der Wahlnacht die Möglichkeit an, daß in den nächsten Wochen der Reichstag aufgelöst wird. Viele seiner Parteifreunde aber möchten gegenwärtig eine weitere Wahlschlacht nicht riskieren. Sie betrachten den „schwarzen Wahlsonntag“ lieber als Auftakt zu einem zweijährigen Wahlkampf bis zum regulären Termin der Reichstagswahl 1968. Bis dahin hoffen sie, Krisenerscheinungen wie Wohnungsnot und Inflation (die ihnen bei dieser Wahl die größten Stimmenverluste eingebracht haben) meistern zu können. Hero Buss