Mit ungewöhnlichem Aufzug begibt sich Ludwig Erhard an diesem Wochenende nach Washington: Er läßt sich begleiten von einem Minister, der bereits zurückgetreten (Westrick) und von einem Minister, der bereits schwer angeschlagen ist (Hassel).

Ungewöhnlich waren schon die Um-„Aber Sie werden von mir nicht verlangen können, daß ich hier vor diesem Kreise auch nur ein einziges Wort dazu sage.“ (Herbert Wehner fragte später, ob er richtig gehört habe, daß vom Bundestag als „vor diesem Kreise“ gesprochen wurde.) Worte des Danks an seinen Mitstreiter versagte sich der Kanzler, stände, unter denen am vorigen Donnerstag der Rücktritt des Kanzleiministers über die Bonner Bühne, ging. Erhard schob das Rücktrittsgesuch zunächst vor sich her; vor aller Augen im Bundestag mußte er sich von Westrick an die peinliche Sache erinnern lassen. Zwei Stunden, nachdem die Meldung vom Entschluß Westricks über die Fernschreiber gelaufen war, trat der SPD-Wirtschaftsexperte Karl Schiller ans Rednerpult (die Reihe war zufällig an ihm) und dankte dem Minister im Namen der SPD für seine Tätigkeit im Dienste der Bundesrepublik. Zunächst durchfuhr ein Schreck die CDU: Wollte sich die SPD an der Führungsmisere ergötzen? „Bild“ will sogar aus dem Munde Westricks ein „Unverschämtheit“ gehört haben. (Hernach jedoch bedankte sich der Minister bei der SPD.)

Mit ernstem Gesicht meldete sich nun der Kanzler zu Wort. Die Gründe Westricks seien ihm „persönlich wohlbekannt“. „weil mir das sozusagen wie ein Hohn vorkäme“. Erst vier Tage später nahm Erhard das Gesuch des Mannes an, der fünfzehn Jahre lang sein „alter ego“ gewesen war.

Allerdings war das Verhältnis der beiden in den letzten Wochen getrübt worden. Westrick verübelte es dem Kanzler, daß er ihn nicht gegen Angriffe einiger CDU-Abgeordneter schützte, für die der Minister als Sündenbock herhalten sollte. Beliebtes Argument seiner Kritiker: Er sei ja nicht einmal CDU-Mitglied. (Dies brachte Westrick besonders auf, da er doch als Ehrenmitglied der Berliner CDU monatlich hundert Mark für die Partei, opferte.) Wesentlich für Westrick waren andere Gründe: Er wollte beizeiten dem Schicksal entgehen, bei der allfälligen Kabinettsreform über Bord zu fallen.Außerdem gedachte er dem Kanzler einen letzten Dienst zu erweisen, indem er ihm für eine Kabinettsreform die Bahn frei machte.

Aber Erhard fing den Ball nicht auf. Da Westrick nur aus beamtenrechtlichen Gründen Minister geworden war (als Staatssekretär hatte er die Altersgrenze überschritten), genügt für die Kanzleidienste künftig wieder ein Staatssekretär. Das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel im Kabinett hat also noch Zeit. Auch „Störfeuer“ einiger FDP-Politiker brachte Erhard nicht aus der Ruhe.

Er fühlte sich nicht einmal zur Eile angetrieben, als Verteidigungsminister von Hassel, der eben erst die Führungskrise in der Bundeswehr und die Starfighter-Affäre mit Müh’ und Not hinter sich gebracht hatte, durch den Untergang des U-Boots Hai (siehe folgende Seite) in neue Bedrängnis geraten war und die SPD dessen Entlassung beantragt hatte. Er scherte sich nicht um die Bitten etlicher Mitglieder des Fraktionsvorstands, die ihm nahelegten, er solle seine Reise nach Amerika verschieben, um erst im eigenen Haus Ordnung zu schaffen.

Erhard versuchte, wie so oft, die Lage zu meistern, indem er vorerst nichts tat. Die Welt empörte sich: „Es ist zu fürchten, daß der Sumpf noch größer wird, ehe wir wieder festes Land erreichen.“ Vermehrt wurde die Unsicherheit in den Reihen der CDU nochmals sich als Hintermann der „Verschwörung“ einiger junger CDU-Abgeordneter gegen Erhard Bundesinnenminister Paul Lücke entpuppte. Die „Rebellen“ wollten Erhard eine Sonderkommission als Antreiber an die Seite setzen.