Von Albert Graff

Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde, Vorwort von Jean Paul Sartre. Aus dem Französischen von Traugott König. Suhrkamp-Verlag. 242 Seiten, 12,– DM.

Fanons Buch enthält eine Theorie der afrikanischen Revolution, die ihre Herkunft von Marx nicht verleugnet. So bekannt wie jene Zeile aus der Internationale, die den Titel des Buches lieferte, ist uns daher seine Methode. Fanon ist ein mitreißender Denker, man wäre allzu gern geneigt, sich der flammenden Schönheit seiner dialektischen Sequenzen genießend hinzugeben, wenn uns nicht die Brutalität seiner Analysen, die grausame Unerbittlichkeit seiner Forderungen einen Schock nach dem anderen versetzte.

Der Kolonialismus herrschte durch Gewalt. Indem die Gewaltherrschaft die ökonomische Ausbeutung sicherte und die traditionellen Ordnungen zerschlug, beraubte sie die Afrikaner ihres Menschseins. Der Kolonialherr schien das selbst zu empfinden, denn wenn er vom Eingeborenen sprach, half er sich mit Vergleichen aus den Tierreichen. Der Augenschein gab ihm recht, die Masse der Kolonisierten, ohne Selbstbewußtsein und Hoffnung, ohne die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, reagierte in wilder oder ohnmächtiger Selbstzerstörung.

Die Aufhebung der Gewaltherrschaft kann nur durch Gewalt geschehen. Selbstverständlich ist dies für Fanon eine höhere Form der Gewalt: sie unterjocht nicht, sondern sie befreit. Die Vertreter des Kolonialismus oder ihre afrikanischen Statthalter werden durch den revolutionären Akt vertrieben. Die Dekolonisation ist mit der Erringung der nationalen Unabhängigkeit nicht abgeschlossen. Die neuen Präsidenten und Minister, heimgekehrt oft – im Falle der ehemals französischen Gebiete – von ihren Parlamentssitzen und hohen Regierungsposten in Paris, haben die Plätze der kolonialen Ausbeuter eingenommen und fungieren als deren Agenten.

Ihren eigentlichen Sinn jedoch gewinnt die Gewalt erst dadurch, daß der einzelne sich selbst, indem er am Aufstand teilnimmt, unmittelbar von der Knechtschaft befreit, sich selbst wiederfindet. Indem er handelt, gewinnt er nicht nur erstes Selbstvertrauen, sondern auch sein Selbstverständnis, er beginnt sich als Glied der werdenden Nation zu begreifen. Wie kann das Volk zur Nation werden? fragt Fanon. Eine bürgerliche Klasse, die wie in Europa der Träger der nationalen Idee sein könnte, existiert nur als Karikatur. Sie ist ohne die großartigen Fähigkeiten, die ihr europäisches Vorbild bewiesen hat, ohne den Wagemut, den Ideenreichtum, ohne die große humanitäre Begeisterung.

Das schwarze Proletariat der Städte, gering an Zahl und vom übrigen Volke durch ihren relativ hohen Lebensstandard und ihre Privilegien getrennt, ist gleichfalls weder befähigt noch berufen. Es bleibt: die Masse der Bauern, die Bewohner des Hinterlandes. Aber sie sind mannigfach verkettet in den Abhängigkeitsverhältnissen der alten Feudalstruktur, deren Gefüge sich durch die Übernahme kapitalistischer Praktiken noch weiter verfestigt hat.