Wenn es auch längst unsere Gewohnheit ist, zu Zeitvertreib, Unterhaltung und Vergnügen in eine Art Unterwelt hinabzusteigen, uns dort zu vergnügen, zu unterhalten, die Zeit zu vertreiben, um dann, wenn die Feierabendfrist abgelaufen ist, diese Unterwelt wieder fest zu. verschließen wie einen etwas anrüchigen Vorratskeller und hinaufzusteigen in die besseren Stockwerke der ernsthaften und eigentlichen Welt, einer Oberwelt, in der von Zeitvertreib, Unterhaltung, Vergnügen kaum die Rede sein kann, in der Kunst und tägliche Pflichten regieren – auch wenn das den wenigsten von uns noch merkwürdig oder gar unnatürlich vorkommt, so bleibt doch die Frage, wie absurd eine solche Spaltung im Grunde ist, wieviel von einem Krankheitsbild sie enthält.

Wir leben in einer vor allem optisch und musikalisch sehr genau bestimmbaren Kulisse: Film, Comics, Werbung, Schlager, Kriminalroman, James Bond und der Spion, der aus der Kälte kam. Wir benutzen diese Kulisse sogar manchmal wie eine normale Umwelt, aber verstohlen, ersatzweise, mit schlechtem Gewissen – und hinterher wollen wir sie als unsere normale, konkrete, tägliche Welt auf keinen Fall wahrhaben. Unsere Welt kann und darf nicht trivial, banal, derart kommerziell sein, meinen wir. Wir berufen uns auf die Realität, wie manche Leute in der Großstadt sich auf die Natur berufen. Und in der Tat gibt es ja Grünflächen und Parkanlagen, in denen man spazierengehen kann.

Einige, die in der Unterwelt, die im Vergnügungsgewerbe wirken, streben hinauf in die Oberwelt. Sie tun es leider, indem sie die verbrauchtesten Mittel der Oberwelt benutzen, die sie zudem nicht beherrschen. Und sie scheitern (wie Hitchcock, wenn er sich im Seelendrama versucht; wie Becaud, wenn er Oper komponiert). Manche wiederum, die die Oberwelt mit Kunst versorgen, vergnügen sich damit, für einen Augenblick Unterwelt zu spielen. Sie bedienen sich mit leichter Verachtung und in parodistischer Absicht einiger Methoden aus der Unterhaltungsbranche. Sie beherrschen sie nicht, sie verstehen sie nicht einmal. Und also scheitern auch sie.

Was jedoch geschieht, wenn die Kulisse der Unterwelt gleichgesetzt wird mit der aktuellen Realität? Wenn nicht mehr unterschieden wird zwischen Ober- und Unterwelt, wenn der Elitegedanke wegfällt, die romantische Vorstellung vom Adel der Kunst, den schließlich doch höheren Werten, und wenn nur das Handwerk und das Resultat zählen, aus welcher Welt immer sie stammen? Wenn also kein Unterschied der Ebenen mehr besteht, wenn das Gefälle zwischen den beiden Welten aufgehoben ist?

Ein erstes, wirklich konsequentes Experiment in dieser Richtung scheint mir jetzt vorzuliegen –

Alain Robbe-Grillet: „Die blaue Villa in Hongkong“, Roman, aus dem Französischen von Rolf und Hedda Soellner; Carl Hanser Verlag, München; 192 S., brosch. 7,90 DM, Ln. 15,80 DM.

Die Tendenzen, die in diesem Buch deutlich werden (das übrigens im Original so nüchtern wie effektvoll „La maison de rendez-vous“ heißt), die Arbeitsweise, die angewandt wird, und die Resultate, zu denen die Übernahme bestimmter Methoden führt, das alles, glaube ich, kann nicht genau genug untersucht werden. Einige Sicherheiten könnten sich dabei wohl als trügerisch erweisen, manche überkommene Meinung als Vorurteil und folglich als revisionsbedürftig.