Von Kurt Becker

Die Amerikareise des Bundeskanzlers lastet wie ein Alpdruck auf Bonn. Was Erhard mit Präsident Johnson zu besprechen hat, rührt an den Lebensnerv der deutschen Außenpolitik: Die künftige Stärke der amerikanischen Truppen in der Bundesrepublik und die damit verbundene Frage der Devisenhilfe; das nukleare Problem im atlantischen Bündnis; das Ost-West-Verhältnis. Dunkle Ahnungen kreisen um die möglichen Konsequenzen des tiefgreifenden Wandels in den strategischen Vorstellungen Washingtons.

Erhard trifft auf einen Präsidenten, bei dem der Krieg in Vietnam und die Annäherung der beiden Atomgiganten zwei feststehende Größenordnungen sind, während die Europapolitik im Fluß ist. Johnson steht unter mächtigem innenpolitischen Druck. Selbst wenn er es wollte, könnte er sich ihm nicht entziehen. Die Rücksicht auf deutsche Interessen, vor allem in der europäischen Sicherheit, wird diesmal geringer sein als früher. Erhard, Schröder und von Hassel werden manche Thesen deutscher Politik neu durchdacht haben müssen, wenn sie ein Höchstmaß deutsch-amerikanischer Interessenübereinstimmung langfristig erhalten wollen.

In der Sicherheitsfrage zurrt sich die transatlantische Diskussion leicht an militärischen und militärtechnischen Fragen fest. Washington und Bonn stimmen in ihren Interessen und in ihrem Urteil immer weniger überein. Desto wichtiger ist es, zu den politischen Kernfragen vorzustoßen, ohne daß deshalb der politische Eigenwert militärischer Tatsachen übersehen wird: die beabsichtigten Truppenabzüge, die Tendenz der atomaren Verdünnung auf dem Kontinent und der deutsche Rüstungsstatus. Fast alle Änderungen auf diesem Gebiet, die sich schon vollzogen haben oder wenigstens abzeichnen, gehen davon aus, daß niemand, auch Bonn nicht mehr, noch an einen sowjetischen Überraschungsangriff glaubt. Amerika sucht heute den machtpolitischen Ausgleich mit der Sowjetunion, es will mit Moskau gemeinsam die Ausbreitung von Kernwaffen verhindern. Amerika scheint bereit, für das sowjetische Stillhalten in Asien in Europa einen Preis zu zahlen, er deutet in die Richtung einer atomwaffenfreien Zone bei gleichzeitiger Respektierung des Status quo hin.

Aber jeder Vergleich mit dem gefürchteten Disengagement-Denken der fünfziger Jahre hinkt – so sehr manche militärischen Aspekte von damals und heute einander auch ähneln mögen. Disengagement war politischer Rückzug aus Mitteleuropa. Heute aber gilt das amerikanische Interesse ganz Europa. Die Vorwärtsstrategie bleibt in Kraft, auch wenn sie nicht mehr absolut plausibel erscheint, weil nach Frankreich nun auch England der NATO Truppen entziehen wollen und Amerika auf lange Sicht wohl nachziehen wird. Die Vorwärtsstrategie gilt politisch. Wir haben keinen Anlaß, am amerikanischen Sicherheitsengagement zu zweifeln. Nicht einmal de Gaulle tut es.

Noch vor Erhards Reise ist Bonn über seinen Schatten gesprungen. Zum erstenmal ist – in der Münchner Rede des Verteidigungsministers von Hassel – der unbegrenzte Aufenthalt amerikanischer Divisionen eine Illusion genannt worden. Bonn ist bereit, die Truppenfrage für die Zeit nach 1970 zu prüfen. Die Bedeutung dieser Erklärung ermißt man am ehesten, wenn man sich vergegenwärtigt, wie bis in die jüngste Zeit hinein die unveränderte Stärke von sechs US-Divisionen ein Glaubenssatz deutscher Bündnispolitik gewesen ist. Bonn fügt sich freilich nur in das Unabänderliche, und die viel weitergehende Resolution des Senators Mansfield und zwölf anderer Senatoren ist damit noch nicht gegenstandslos geworden. Aber ein Konfliktstoff zwischen Bonn und Washington wird entschärft, auch wenn einstweilen der Handel um die Kopfquote für jeden amerikanischen Soldaten – Devisenhilfe und Rüstungskäufe – andauern wird.

Amerikanische Divisionen können im „Big Lift“ rasch über den Atlantik geflogen werden. Diese technische Revolution, die der strategischen vorausging, hat Bonn akzeptiert. Doch militärisch stellt sich jetzt die Frage, wie der Abzug von taktischen Atomträgern aufgehalten werden kann, damit die Abschreckungsstrategie nicht zur Farce wird. Und wie die Truppenabzüge politisch verwertet werden sollen – etwa ohne sowjetische Gegenleistung, die McNamara noch im Juni zur Bedingung erhob? Eine Entspannungsstrategie setzt das Gleichgewicht der Kräfte voraus. Sonst wäre sie nichts weiter als die einfache Übernahme sowjetischer Forderungen.