Von Petra Kipphoff

Um es vorweg gesagt zu haben: Luise Rinser hat einmal eine Erzählung geschrieben, die, wie ich finde, zum Besten gehört, was es in dieser Gattung in der neueren deutschen Literatur gibt: „Jan Lobel aus Warschau“.

Das war 1948, so lange ist’s einerseits nicht her, andererseits muß es vor undenklichen Zeiten gewesen sein, denn inzwischen floß aus ihrer Feder eine derart stattliche Zahl fraulicher Romane, daß der „Jan Lobel“ von ihnen fast erstickt wurde. Inzwischen nannte auch Gertrud von le Fort Luise Rinser ihre „einzige legitime Nachfolgerin“, und das ist in der Tat eine treffende Charakterisierung, denn das „Schweißtuch der Veronika“ hätte ebensogut auch Luise Rinser zur Autorin haben können. Ob allerdings Gertrud von le Fort auch die „Vollkommene Freude“ hätte schreiben können, ist nicht ganz so sicher, zumindest möchte man es in ihrem eigenen Interesse doch offenlassen. Bei uns gedeiht eben keine Mary McCarthy und auch keine Simone de Beauvoir.

Immerhin nimmt man es erstaunt und, des „Jan Lobel“ eingedenk, mit einem sorgsam angefachten Fünkchen Optimismus zur Kenntnis, daß in Luise Rinsers neuem Roman

Luise Rinser: „Ich bin Tobias“, Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 315 S., 18,50 DM

laut Klappentext die „heutige Jugend“ vorkommt. Nach einem Dutzend auf Romanlänge plattgewalzten Frauenseelen endlich mal ein junger Mann von zwanzig Jahren. Das Problem, die Qualen des Erwachsenwerdens, nun ja, das ist nicht neu, aber immer aktuell, so aktuell, daß, wie man auch heute aus erschreckten Erwachsenenreaktionen ablesen kann, die jeweilig betroffenen Generationen meinen, so brennend und kompliziert sei es noch nie gewesen.

„Mein Tobias“, so formuliert Luise Rinser es selber in einer kurzgefaßten Inhaltsangabe, „ist ein desorientierter junger Mann, der, unzufrieden mit seinem leiblichen Vater, sich einbildet, er sei ein außerehelich gezeugtes Kind. Er begibt sich auf die Suche nach dem Wunsch-Vater, dem Vorbild, dem Ideal... Am Ende muß er erkennen, daß er sein eigener Vater, das heißt, erwachsen sein muß...“