Von Richard v. Weizsäcker

Wir dürfen die deutschen Buchhändler nicht ohne weiteres für kirchenverbunden halten. Sie sind im allgemeinen eher kritisch und „unparteiisch“, wie es ihr Beruf mit sich bringt. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie ihren diesjährigen Friedenspreis zwei Männern der christlichen Kirchen, Kardinal Bea und Generalsekretär Visser t’Hooft, verliehen haben. Was meinen sie damit?

Zunächst das gemeinsame Werk dieser beiden Männer, den ökumenischen Dialog der christlichen Kirchen. Er bringt die Entdeckung, daß keine mehr ohne die andere denkbar ist; die Erkenntnis, daß die Kirchen füreinander und miteinander Verantwortung tragen. Es ist eine Wiederbegegnung von tiefer Aufrichtigkeit.

Die Buchhändler werden den Zeitbedarf und die Schwierigkeiten dieses nach Jahrhunderten der Entfremdung aufgenommenen Dialogs nicht verkennen. Aber mit ihren Mitteln wollen sie bekräftigen, daß der Ruf nach Vereinigung der getrennten Christen groß und stark ist. Sie wollen sagen, daß die Menschen, die auf die Kirchen blicken, oft ungeduldig, doch voller Hoffnung sind. Das Trennende ist anstößig zwischen Kirchen, deren Ursprung und Ziel gemeinsam sind. Wer aber den Weg der Kirchen zueinander ebnet, fördert ein Friedenswerk, das die Menschheit betrifft. Dies soll nicht nur in aller Welt, sondern auch in den Kirchen deutlich vernommen werden.

Neben der gemeinsamen Leistung steht das persönliche Lebenswerk der beiden Kirchenmänner. Der Preis wird für Beiträge zum Frieden in der Welt verliehen. Auf evangelischer Seite hätte sich dafür keine glücklichere Wahl treffen lassen als Dr. Willem A. Visser t’Hooft, Generalsekretär des ökumenischen Weltrats der Kirchen.

Die Erneuerung des Lebens der Kirche und die Sendung der Christen in die Welt erfüllen sein Leben. Aber die zermürbende Vermittlung war sein Amt, Wer ihm in den letzten Jahren begegnete, konnte die Furchen der Sorgen in seinem Gesicht wahrnehmen. Wie kommen die Kirchen in der ökumenischen Bewegung voran? Wie führt der „Dialog der Schwerhörigen“ zum gemeinsamen Zeugnis vor der Welt? Wie können sie ihre Soziallehren der Welt dienstbar machen? Wie können sie beitragen zur Überbrückung der Spaltung zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West und zwischen den Rassen, zur Überwindung der Armut und Hoffnungslosigkeit? Eine Aufgabe, zwar auf anderer Ebene, aber vergleichbar der von Hammerskjöld, mit dem Visser t’Hooft persönlich eng verbunden war. Wäre für ihn nicht das Denken des Hochschultheologen, die Verkündigung des Gemeindepfarrers, der Dienst in der Diakonie oder in einem peace corps eine dankbarere Tätigkeit gewesen als die gebündelte Verwaltung von Widerständen? Vielleicht; doch prädestinierten ihn wie keinen zweiten seine Gaben für sein unsäglich schweres Amt.

Er ist die unbestritten führende Gestalt in der Ökumene. Er ist es, der mit seinen Mitarbeitern die Einrichtungen des Weltkirchenrats geschaffen und die Menschen und Kirchen versammelt hat. In seiner Amtszeit haben sich zweihundert christliche Kirchen, das heißt praktisch alle außer der römisch-katholischen, in der ökumenischen Bewegung zusammengefunden. Nach seinen Worten ist die Ökumene keine Superkirche, kein kirchliches, sondern ein zwischenkirchliches Zentrum. Es sucht keine eigene theologische und ecclesiologische Linie, die verschieden wäre von der seiner Gliedkirchen. Nicht die Summierung der Teile, die nur die Vielfalt ihrer reichen geistlichen Gaben zerstören würde, ist die Aufgabe. Sondern es geht darum, die Teile in ihrer jeweiligen Eigenart in Bewegung zu bringen in Richtung auf das gemeinsame Ziel.