Von Marianne Eichholz

Ein Dornröschen weit hinter der Sektorenmauer am so ziemlich unbekanntesten Ostberliner Bezirk: In Weißensee mit seinen großen Friedhöfen unter märkischem Vorstadthimmel, liegen vielleicht mehr Berliner Bürger auf sieben riesigen Ruhestätten unter der Erde, als drüber in der Hauptstadt leben. Vor den Stadttoren mußten nach einer alten Bestimmung die Toten zur letzten Ruhe gebracht werden.

77 000 Einwohner zählt Weißensee, das im Nordosten der Stadt liegt – und seine 4655 Hektar werden von den Fangarmen der Ausfallstraßen, der Landsberger Chaussee im Süden, der Greifswalder Straße in der Mitte begrenzt. Wie in anderen Randbezirken haben die Asphaltbänder viele Namen – so, als traute man einem einzigen nicht, Östlich, in Richtung auf die zehn Kilometer lange Grenze zur DDR, wechseln sie ihre Namen, heißen Berliner Chausse, Chaussee nach Altlandsberg, Falkenberger, Ahrensfelder Chaussee oder einfach Dorfstraße. Die Greifswalder Straße heißt in ihrem Mittelteil Klement-Gottwald-Chaussee, ein Nachkriegsname, der an den ersten „Arbeiterpräsidenten“ der Tschechoslowakei erinnert.

Die Friedhöfe aber haben ihre alten christlichen Namen behalten, heißen nach den Gemeinden St. Bartholomäus, St. Georgen, St. Markus, St. Pius, St. Hedwig, St. Andreas, Segenskirche-Gemeinde. Neben dem „Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde“ liegen der alte israelitische Friedhof, und, weit weg davon, auf einem 160 Morgen großen Areal an der Chaussee zum Nachbarbezirk Lichtenberg, der neue jüdische Friedhof. Anders als auf dem historischen jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee wird noch heute dort begraben.

Viel jüdisch-berlinische Prominenz verschläft hier die Unsterblichkeit: der impressionistische Maler Lesser Ury; der Neukantianer Hermann Cohen, der an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums wirkte; Rudolf Mosse, der seinen Verlag auf dem Anzeigenexpeditionsgeschäft aufgebaut hatte und das „Berliner Tageblatt“ herausgab; Oscar Blumenthal, der als Feuilletonchef im ‚Berliner Tageblatt“ arbeitete und 1888 das Lessing-Theater nahe der Potsdamer Straße gründete („besonders für neuere Schau- und Lustspiele, 1200 Plätze, Preise von 7,50 Mark bis 3 Mark“); ein anderer Verlagsprinzipal, Samuel Fischer; die beiden Warenhausgründer Hermann Tietz und Adolph Jandorf.

Über Jandorf findet sich im Jahrbuch der Millionäre von 1913 die Eintragung, daß der Kommerzienrat Jandorf, vielfacher Grundstücksbesitzer, Inhaber des Hamburger Engroslagers Jandorf & Co., zur Miete in der Tiergartenstraße 6 wohne, sein Vermögen 7,8 Millionen und sein Einkommen 0,6 Millionen Goldmark betrage. Jandorf verdankt Berlin das KDW (Kaufhaus des Westens), das seinen guten Namen über die braune Zeit rettete, Einkaufstätte von Berlinern und Nichtberlinern, in der auch gelegentlich prominente Ostberliner (die glücklichen, die in den Besitz eines Passierscheins gelangten), intensiv Shopping machen, und DDR-Rentnerinnen in der Erfrischungsabteilung Windbeutel mit Schlagsahne verzehren.

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße zeichnete der Baedeker 1878 mit einem Stern aus, weil er „zu den bedeutendsten und originellsten Leistungen der modernen Bautätigkeit“ in Berlin gehöre. „Noch sehenswerter“, schrieb der Reiseführer neun Jahre später – und empfiehlt „Meldung beim Castellan“ –, sei das Innere. Man solle zunächst die kleine Synagoge für den täglichen Gottesdienst, dann die 3000 Plätze umfassende Hauptsynagoge besichtigen. „Bei abendlichem Gottesdienst (Freitag bei Dunkelwerden) ist die eigentümliche Beleuchtung der Glasmalereien und der Glaskuppeln von prachtvoller Wirkung. Die Herren nehmen unten im Saal, Damen nur auf den Emporen Platz.“ Das Schicksal des gerühmten Bauwerks, das Eduard Knoblauch entwarf, der „einer der Architekten war, denen das alte Berlin die vornehme Haltung seiner Straßen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdankt“: Es wurde im letzten Krieg schwer beschädigt. So steht es noch heute.