Gott lästern, darüber sollte man sich einig werden, kann nur, wer an ihn glaubt: aber eben so „glaubt“, daß er ihn nicht recht ernst nimmt; wer ihn als Geschäftspartner in einem frommen Handel versteht; wer ihn mit Schund und Ramsch abzuspeisen sucht. Davon sprach der Prophet Amos zum Volk Israel: „Tue nur weg von mir das Geplärr deiner Lieder du meinst es damit ja doch nur scheinheilig ungenau.

Das „Geplärr“ der Lieder:Instrument der Lästerung ist die Sprache, mittels deren der Mensch zu Gott in Beziehung tritt, durch die er kundgibt, wie er es mit ihm zu halten gedenkt.

Wenigstens dem Christen, der in Genesis und Johannesevangelium von der Würde des Wortes unterrichtet wird, sollte es nicht gleichgültig sein, was er mit der Sprache anstellt, wie er sie versteht. Er braucht damit vielleicht nicht so weit zu gehen wie Franz Werfel, der in einem Gedicht davon sprach, alles menschliche Sprechen sei ein irdischer Abglanz des englisch-himmlischen „Sanctus“; er braucht auch nicht so weit zu gehen wie Romano Guardini, der die theologische These aufstellte, die Schöpfung bestehe in der Weise der „Gesprochenheit“, und nur deshalb könne in ihr „überhaupt gesprochen werden“; er braucht sich auch nicht der Anschauung anzuschließen, die Grundform alles Sprechens sei das „Amen“, das antwortende Zustimmen.

Er muß nur den Sachverhalt einsehen, daß Sprache insofern ein Vehikel der Wahrheit ist, als sie zu erkennen gibt, wie es um das Denken und die Haltung dessen bestellt ist, der sie gebraucht.

Dann freilich müßte er – wie jeder Außenstehende, der da zuhört – mühelos erkennen können, daß die Christen (der Zuständigkeit halber ist hier nur von den katholischen die Rede) in ihren Gottesdiensten hartnäckig und kontinuierlich Gotteslästerung betreiben, und zwar durch die Sprache, die ihr Medium der Frömmigkeit ist.

Wenn man etwas „mit bombastischem und unaufrichtigem Pathos“ sage, wenn man „zugleich frömmlerisch und verschwommen“ spreche, schrieb Gilbert Keith Chesterton, „dann heißt das in jenem echten und ersten Sinn des alten mosaischen Gesetzes: etwas vergeblich sagen.“

Und diese „frivole“ Sünde „gegen den Namen Gottes“, die Chesterton manchen Predigern und religiösen Rednern vorwarf, begehen wir Sonntag für Sonntag in fast noch größerem Maß, wenn wir in unseren Kirchenliedern Gott aussprechen: wenn wir eine Sprache anwenden, die nicht unsere ist, wenn wir eine „Poesie“ als Form des Gebets verwenden (auch das Lied ist ja Gebet und nicht nur gefühliges Ornament), die entweder aus Sprach- und Bildvorstellungen und aus Glaubenshaltungen früherer Zeiten hervorgegangen ist oder aus typischen Abfallprodukten der Volkslied- und Eichendorff-Nachfolge oder die unbekümmert das Anspruchsvoll-Gefährlichste des Bekenntnisses in heuchlerische Deklamationen ausarten läßt.