Von Heinz-Günter Kemmer

Der Herr Dechant nahm Anstoß. Aus moralischen. Gründen. Hatte doch ein Gasversorgungsunternehmen in einer Zeitung am Niederrhein ein Inserat aufgegeben, in dem zu lesen war: „Demnächst küßt nicht mehr der Gasmann Ihre Frau, sondern der Erdgasmann. Und es ist durchaus möglich, daß Ihre Frau den Kuß noch ein bißchen stürmischer erwidert als sonst.“ Dann wird auf die Vorzüge von Erdgas hingewiesen, und schließlich heißt es: „Das sind Eigenschaften, die eine Hausfrau schon schwach machen können, selbst wenn der Erdgasmann nicht besser küßt als der Gasmann.“

Anstoß nahm auch die Elektrizitätswirtschaft. Aus wirtschaftlichen Gründen. Sie stieß sich an einer Anzeige der gleichen Serie, wie die erste von der Werbeagentur Doyle, Dane, Bernbach konzipiert. In ihr stehen diese Sätze: „Viele Leute finden das Gas nicht fein, weil es billig ist. Demnächst wird es noch unfeiner. Aber bei manchen Leuten werden alle diese Argumente nicht ziehen. Für sie ist Erdgas einfach zu billig. Die sollen dann eben etwas Feineres nehmen. Etwas Teueres.“

Man merkt es schon an der Sprache – der alte Gasmann ist ein moderner Jüngling geworden, ein rechter Twen. Jahrelang lief ihm der Zählerableser der Elektrizitätswerke den Rang ab, jetzt versucht er, verlorenes Terrain aufzuholen. Das Erdgas gibt ihm die Möglichkeit dazu. Denn es ist im Gegensatz zum „alten Kokereigas“ billig und in ausreichender Menge vorhanden. Und es ist, wie es Dr. Karl Mahlert vom Vorstand der Thyssengas AG formulierte, für die deutsche Gaswirtschaft „nicht nur eine große Chance, sondern die Überlebenschance“ überhaupt.

Bisher war die Gaswirtschaft in einer merkwürdigen Situation. Sie bot eine Ware an, die knapp war, und erzielte dennoch keinen Preis, der der Mangelsituation entsprochen hätte. Denn Gas ist zu ersetzen – in der Küche durch Strom, bei der Heizung und in der Industrie durch Heizöl. Dieser Substitutionskonkurrenz war deshalb Tür und Tor geöffnet – Kostendruck von unten und Preisdruck von oben zwängten die Gaswirtschaft ein.

Es kam hinzu, daß sich die Elektrizitätswirtschaft alle Mühe gab, dem Gas von vornherein den Eintritt in potentielle Abnehmergebiete zu verwehren. Einige Versorgungsunternehmen erließen nämlich den Bauherren die Kosten für den Stromanschluß, wenn diese auf den Gasanschluß verzichteten. Zwar wurde es nicht so formuliert, aber die mit dem Erlaß der Anschlußkosten verbundenen Auflagen liefen eindeutig auf diese Konsequenz hinaus. Das Ergebnis ist, daß weite Gebiete nicht an das Rohrnetz der Gasversorgungsunternehmen angeschlossen und ihre Bewohner als Abnehmer verloren sind.

Neuen Mut schöpfte die Gaswirtschaft, als das Erdgas auch für Europa interessant zu werden begann. 1959 war das Wort Sahara-Gas die Zauberformel, und man zerbrach sich die Köpfe darüber, ob man eine Pipeline durch das Mittelmeer bauen oder das Gas verflüssigen und mit Spezialtankern nach Europa transportieren solle. Noch bevor eine Entscheidung in der einen oder anderen Richtung gefallen war, wagte ein Vorstandsmitglied eines großen Gasunternehmens die kühne Prognose, daß „das Erdgas lange vor dem Atomstrom in unserer Energieversorgung eine bedeutende Rolle spielen“ werde.