Von Rudolf Hartung

In dem vor zwei Jahren erschienen Gedichtband „Zu den Akten“ hatte es geheißen: „Hier ist der Ort, / wo wir bleiben.“ Der Ort des Bleibens war, wie der Titel besagte, ein „aufgelassenes Zollamt“. Das Gedicht Günter Eichs, so konnte damals bemerkt werden, überantwortete hier das Subjekt einer gleichsam leeren Gegenwart, die gleichwohl auf emphatische Weise erfahren wurde: Es wird bleiben, auch wenn niemand kommt und den Schlagbaum hochzieht, bleiben mit dem kleinen Gepäck der erinnerten Vergangenheit, bleiben ohne Zukunftsvision, ohne erkennbare Hoffnung.

Verglichen mit den bereits 1955 veröffentlichten „Botschaften des Regens“, war eine empfindliche Verarmung festzustellen. Eine Reduktion nicht der künstlerischen Kraft, sondern eine Zurücknahme des Poetischen, eine Verminderung der Musikalität, wohl auch des in den neuen Gedichten sich aussprechenden Lebens – eine gewisse lakonische Verdrossenheit war an die Stelle der schwermütigen Erkenntnis von früher getreten, daß das Glück „nicht gern auf unsern Sesseln“ sitzt.

Diese Tendenz hat sich in dem neuen Band

Günter Eich: „Anlässe und Steingärten“, Gedichte; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 80 S., 10,– DM

eher noch verstärkt. „Weniger Ziele / und kleiner, / reiskorngroß“ – in diesem „Weniger“ betitelten Gedicht wird ein Selbstbekenntnis abgelegt, wird dem irgendwie Aufwendigen abgesagt. Das sieht wie Armut aus, das Wort fällt auch in dem Gedicht („Für Armut schon / geeignet und / Zahnlosigkeit“), und dieser Anschein ist nicht vollkommen falsch. Das Gedicht Günter Eichs – nicht freilich das Gedicht „Weniger“, das meisterhaft ist – ist jetzt manchmal zu karg und trocken, zu sehr zurückgenommen und auch zu stark komprimiert. Keine imaginäre Ferne lockt mehr: „Keine Lust mehr anzustehen / um die Aufenthaltserlaubnis / für erfundene Länder.“ Die Abwesenheit des Glücks wird nicht mehr festgestellt; auch dies ist vorbei.

Was in dem Band „Zu den Akten“ schon befremdete, Wörter, oder Bruchstücke von Sätzen („17 Formeln“), wird weitergeführt, wobei sogar die Numerierung einfach fortgesetzt wird. Da lesen wir etwa: „Die Flaschenpost abgeheftet“ oder „Vergessen und vertrunken oder „Baumwollust“ – kleine lakonische Spracherfindungen; nur einmal ein veritabler Aphorismus: