Rund 100 junge Deutsche sind in diesem Jahr in der „Aktion Sühnezeichen“ nach Polen gereist und haben dort drei Wochen lang in den ehemaligen Konzentrationslagern Auschwitz, Chelmno, Majdanek, Stutthof und Rogoznica gearbeitet. Ein Redakteur der in Krakau erscheinenden katholischen Zeitung „Tygodnik Powszechny“ besuchte die Arbeitsgruppe in Auschwitz.

Es war für mich besonders interessant, auch vom psychologischen Standpunkt: Wie werden sich die jungen Leute, denen die Greuel des Krieges fremd sind, nach dem dreiwöchigen Aufenthalt inmitten von Gaskammern, Krematorien und Bunkern verhalten, wo alle Details schreiend mahnen, was man hier täglich im Laufe der fünf langen Kriegsjahre getan hat?“

Der polnische Journalist schildert den Tageslauf der Gruppe. „Sie wohnten im Block 22 und arbeiteten in den Ruinen der Gaskammern und des Krematoriums in Birkenau. Sie beteten in der Trauerkapelle im Hause der Salesianer-Pater – dem ehemaligen SS-Vorratslager. Nach dem Morgengebet und dem Frühstück begannen sie um 7 Uhr mit der Arbeit. Auf meine Frage über den Sinn dieser Tätigkeit erklärte der Gruppenleiter geradeheraus: In dieser Gaskammer mordeten die Deutschen unschuldige Menschen und bemühten sich, ihren Opfern noch zu Lebzeiten die Menschenwürde zu nehmen... Danach sprengten sie die Gaskammern und das Krematorium, um die Spuren zu verwischen. Die Ruinen verschlammten, teilweise wuchs Gras darüber. Wir säuberten sie und lassen sie neu erstehen, damit die Besucher sie sehen und das Funktionieren dieser Todesfabrik kennenlernen können. Auf diese Weise enthüllen wir das Verbrechen und büßen zugleich dafür.“

Zum Abschluß des „Sühneaktion-Aufenthaltes“ kam eine Gruppe polnischer Jugendlicher aus dem „Katholischen Intelligenz-Klub“ in Krakau nach Auschwitz, um die deutschen Jugendlichen zu verabschieden. Vertreter beider Gruppen hielten Ansprachen.

„Bis auf den heutigen Tag hält die Angst vor den Deutschen an: Heimatrecht, Grenzrevision und Streben nach eigenen Atomwaffen wirken in Polen beunruhigend“, meinte der polnische Sprecher. Voller Hoffnung erwiderte ein junger Deutscher: „An diesem Ort ist die deutsche Sprache erniedrigt worden, sie drückte Haß aus und säte Grauen. Die ‚Aktion Sühnezeichen‘ soll der deutschen Sprache die Würde wiedergeben ... Im Geiste des Evangeliums wollen wir uns heute die Hände reichen und uns vornehmen, Brücken zu schlagen über die Schluchten, durch die man uns getrennt hat...“

Der Redakteur von „Tygodnik Powszechny“ beschloß seine Schilderung mit der Feststellung: „Auschwitz als Ort deutsch-polnischer Versöhnung – dies ruft unwillkürlich Erstaunen und Schrecken zugleich hervor. Erwarten wir da nicht zuviel von den einen und den anderen?“ Aber er hält das Wagnis der Versöhnung dann doch für gelungen: „Vielleicht deshalb, weil die Teilnehmer durchweg sehr jung waren, weil sie einer Generation angehörten, die trotz aller Provinzialismen bereits in Weltkategorien denkt?“ Der polnische Journalist wurde an die Geschichte von den polnischen Kindern erinnert, die sich dagegen gewehrt hatten, mit gleichaltrigen Deutschen zu spielen: „Wir sollen mit Deutschen spielen? Niemals! Wir werden auf sie schießen!“ Nachher spielten sie jedoch in bester Übereinkunft miteinander. Der älteste von ihnen meinte erstaunt: „Aber das sind doch keine Deutschen, es sind Kinder!“ „Vielleicht haben auch wir“, so schrieb der Journalist, „ein bißchen ähnlich gedacht: Es sind doch keine Deutschen, sondern Freunde von der Aktion Sühnezeichen...“ Jan Kurzok