"Lebenslänglich ist auch vergänglich"

Reportage aus dem Zuchthaus

Von Ruth Herrmann

Das erste Schlüsselrasseln höre ich, als mir die Tür im Tor zu Deutschlands größter Strafvollzugsanstalt aufgemacht wird. Ich bin angemeldet, werde eingelassen und eingeschlossen.

Der Taxifahrer, der mich hierher gefahren hat, war noch eine Weile neben seinem Wagen stehengeblieben, hatte den mächtigen Torbau betrachtet und beobachtet, wer sich da außer ihm und mir unter den hohen Bäumen des parkähnlichen Vorplatzes aufhielt. Er machte sich seine Gedanken. Nicht über mich. Das hatte er nicht mehr nötig. Nachdem ein Boy des Hotels mir seine Taxe herangewinkt und ich als Fahrziel "Tegel" genannt hatte, hatte er mit sachlicher Berliner Neugierde aus mir herausgeholt, was ich in Tegel wollte.

"Nach Tegel? Flugplatz? Oder Schloß von den Brüdern Humboldt? In ’n Knast wollen Sie doch wohl nicht?" "Doch", sagte ich, "aber ich komm’ wieder raus. Da sitzen ja nur Männer in Tegel."

Während er mich zwanzig Minuten lang nach Nordwesten fuhr, schien er zu überlegen, ob ich vielleicht an einen Tunichtgut von Kerl geraten war, den ich in Treue besuchte. "Nun sag’n Se mal wirklich: Was wollen Sie da? Keine zehn Pferde kriegten mich da rein. Aber interessant muß es sein. Wenn Sie wollen, warte ich hier auf Sie und fahr Sie zurück. Die Wartezeit brauchen Sie nicht zu bezahlen – die Sache interessiert mich einfach – was Sie nachher erzählen."

Ich ließ ihn nicht warten. Was ich zu besichtigen vorhatte, eine Stadt in der Stadt, bestehend aus dunkelroten Kaiser-Wilhelm-Backsteinhäusern, zwischen denen ausgedehnte Kasernenhöfe mit Kopfsteinpflaster liegen, Tegel, Zwangsaufenthalt für achtzehnhundert Männer (fünfhundert Zuchthäusler, 1252 Gefangene, dreißig Sicherungsverwahrte und elf Arbeitshäusler), ist nicht so schnell zu durchqueren, daß einem Taxifahrer zugemutet werden könnte, zu warten.

"Lebenslänglich ist auch vergänglich"

Der Torbau hat rechts einen Schalter. Als ich meinen Personalausweis vorgezeigt habe, bekomme ich eine Pappkarte. "Inhaber ist berechtigt, die Anstalt zu verlassen." Nicht Eintrittskarten sind hier gefragt, sondern das Gegenteil. "Passen Sie gut auf die Karte auf, daß Sie die nicht verlieren", sagt der Wachtmeister oder Strafvollzugsbedienstete, wie die hier Tätigen heißen. (Sie legen Wert auf diese Berufsbezeichnung, und am allerwenigsten schätzen sie und ihre Kollegen in anderen Gefängnissen das harmlose Wort Wärter.) Wahrscheinlich wäre ich auch ohne die Karte wieder ins Freie gekommen – aber jemand hätte die Karte ja finden können. Allerdings: wer den Raum voller Schlüssel zur Linken im düsteren Torbogen gesehen hat, kann sich kaum vorstellen, daß einer, der nicht in die Freiheit hinaus darf, einfach vermittels so eines Pappkärtchens davonkäme.

Ein uniformierter Strafvollzugsbediensteter führt mich über den ersten Kopfsteinpflasterhof in das Verwaltungsgebäude. Direktor Kolb, seit 1931 hinter Gefängnismauern arbeitend, seit zehn Jahren Tegels Oberhaupt, empfängt mich in seinem Arbeitszimmer, das einem Altbauwohnzimmer ähnelt: Sofa, Sessel, gehäkelte Tischdecke, kleine Bilder, auf dem Schreibtisch ein Photo der Ehefrau. Aber: an eine der tapezierten Wände geheftet ein Übersichtsplan der Anstalt. Aus den Fenstern blickt man in den nächstgelegenen Hof. Er ist von hohen Gebäuden mit wenigen Fenstern an allen Seiten begrenzt. Große weiße Zahlen an den Hauswänden bezeichnen die Blocks. Ich denke an die Zahlen, die im Kriege auf Wohnhäuser gemalt wurden, wo sich die Luftschutzkeller befanden, und die den Zweck hatten, zu zeigen, wo Verschüttete ausgegraben werden könnten, falls...

"In Tegel ist alles untergebracht, was in Berlin anfällt", sagt der Direktor. "Die Anstalt ist überbelegt. Eigentlich hat sie nur für 1421 Mann Platz. Das liegt eben auch an der Teilung. Sehen Sie, früher hatten wir die Provinz Brandenburg noch; und Weißensee gehört ja auch jetzt zum Osten. Wir haben noch unsere Außenstelle Düppel, wo zur Zeit 125 Mann untergebracht sind, aber nur Kurzfristige, Verkehrssünder und Fahrlässigkeitstäter. Die arbeiten in der Landwirtschaft. Da sitzen natürlich nur Leute, die höchstens zu einem Jahr Gefängnis verurteilt sind, bei denen außerdem kein Fluchtverdacht besteht. Die können jeden Sonntag Besuch bekommen, sie dürfen auch rauchen. Das ist der gelockerte Strafvollzug."

Blaue und Braune

In Tegel ist nichts gelockert. Wer sich in diesen düsteren Mauern befindet – sogar die Kirche hat denselben Stil und ist nur an den Türmen als das zu erkennen, was sie sein soll –, der läßt wohl alle Hoffnung fahren.

Der ganze Komplex ist von einer teils geraden, teils nach innen oder außen gebuchteten, etwa sechs Meter hohen Mauer umgeben. Wo Einblickschneisen sind, stehen neue gläserne Wachttürme auf dieser Mauer. Bewaffnete Beamte beobachten von dort herab die gepflasterten Höfe, beobachten nicht weniger aufmerksam, daß der Direktor unten vorbeigeht. Respektvoller militärischer Gruß.

In einer Hofecke fegen drei Männer in braunen Trainingsanzügen Schmutz zusammen. Der Mann, der sie bewacht, legt die Hand an die Mütze und "meldet": Drei Mann beim Aufkehren. Die drei sind Zuchthäusler, ihre braune Tracht, ein wenig dunkler als SA- oder Amtswalteruniformen, ist die der zu Zuchthaus Verurteilten. Die Gefangenen hingegen tragen blaue Anzüge, ebenso geschnitten. Niemand läuft im entwürdigenden gestreiften Drillichzeug umher, das schlackerig Gestalten bekleidet, wie Zille sie zeichnete: ("Mein Mann is’ in Urlaub." "Ach, wie jefällt es ihm denn da in Plötzensee.") Berlins "schwere Jungs" aus Zilles "Milieu" saßen damals in Plötzensee ein – wie es in der Fachsprache heißt. Tegel war ein Gefängnis für noch nicht Bestrafte (Plötzensee ist heute nur noch Jugendstrafanstalt).

"Lebenslänglich ist auch vergänglich"

Tegels hohe Mauern halten alle Sorten von Gesetzesbrechern zusammen – und die verschiedenen Gebäude sollen sie trotzdem getrennt halten, die Zuchthäusler von den anderen streng isoliert, um Ansteckung zu vermeiden. Was nicht immer gelingt. Einige Male sah ich Blaue sich eilig von Braunen entfernen, mit denen sie sich in Hauseingängen oder auf Höfen unterhalten hatten. Den Direktor, der naht, riecht ein gewitzter Knastier auf hundert Meter!

In Tegel sitzen zweiundsechzig "Lebenslängliche". Einer von ihnen, Dr. Fiebach, einer von den Mördern mit der Spritze aus dem Dritten Reich, hat eben Freizeit, darf im Hof Spazierengehen. Betont flott, von aufmerksam lauschenden Mitzuchthäuslern begleitet, schreitet er, hüftenschwenkend, an uns vorbei, den Schmiß aus besseren akademischen Tagen auf einer Backe.

Die ausgedehnten Höfe sind sonst fast menschenleer. Wo sind die Gefangenen, die anderen Insassen? "Unsere Therapie hier heißt Arbeit", sagt der Direktor. "Die Männer arbeiten in unseren Handwerksbetrieben und nur abends, nach Einschluß, in ihren Zellen. Manche zu dritt, die eine Zelle für sich allein brauchten. Doch wie ich schon anfangs erklärte: Wir sind überbelegt. Das erschwert den Strafvollzug ganz erheblich. Aber mit der Arbeitstherapie tun wir, was möglich ist."

"Wie ist es mit dem, was man so schön Persönlichkeitserforschung nennt?" frage ich. Der Direktor seufzt tief.

Im Brockhaus steht, daß die von Siegmund Freud entwickelte analytische Methode zu völlig neuen Einsichten in die Triebdynamik geführt hat. Tegel, wie fast alle Berliner Gefängnisse, wurde in den Gründerjahren gebaut, nicht viel früher also, als Freud in Wien Dozent für Neuropathologie wurde.

"Ja, Psychologie", sagt der Direktor, "psychologische Behandlung von angeknacksten Leuten, die wäre nötig und ideal. Aber sehen Sie sich die Praxis an: Für ganz Berlin gibt es einen einzigen Gefängnispsychologen, und der kommt einmal die Woche zu uns nach Tegel. Was soll er da schon viel machen?"

Die Psychologen drängen sich ebensowenig wie andere Ärzte zum Dienst im Gefängnis, weil der Staat schlecht bezahlt. Dreißig bis vierzig Männer nur von den achtzehnhundert sind zum Glück durchschnittlich im Lazarett. Die Kranken drangen hier ebensowenig zum Arzt wie der Arzt zum gefangenen Kranken. Nur der Zahnarzt hat gerade regen Patientenbesuch, als ich Tegel besuche: Sein alter Assistent war gegen eine dralle, junge Assistentin ausgetauscht worden. Das machte Hunderten Zahnweh. "Wenn es nicht bald gelingt, die herauszufinden, die tatsächlich kaputte Zähne haben", sagt der Direktor, "dann muß das Mädchen leider wieder verschwinden."

"Lebenslänglich ist auch vergänglich"

In den Zellengebäuden, deren Treppenhäuser mit dem eisernen Gestänge von Gittern und Treppen aussehen wie alle großen Gefängnisse von Sing-Sing bis Hamburg-Fuhlsbüttel – ist es still. In den Zellen sitzen tagsüber nur Neueingelieferte, Zuchthäusler die ersten vier bis sechs Monate, Gefangene bis zu drei Monaten. ‚Da sollen sie erstmal zur Besinnung kommen, sich eingewöhnen und mal darüber nachdenken, wie weit sie es nun mit ihrem Leben gebracht haben." Zeit genug vielleicht, um eine Knastmacke zu kriegen, wie die Gefangenenpsychose berlinerisch genannt wird.

"Gott grüß die Kunst" steht über der Tür einer Werkstatt, die wir besichtigen. Hier wird die Kunst ausgeübt, Pappteller für Torten oder Würstchen, für alle möglichen Automaten-Berichte zu pressen. Eine einzige Maschine (es gibt hier vier oder sechs, ich habe sie nicht gezählt) preßt täglich 22 000 solcher Pappteller. "Wenn Sie in Berlin ein Paar Würstchen essen, dann stammt der Pappteller unter Garantie von ins hier aus Tegel", sagt der Direktor lachend. Er sagt es auch stolz. Er hält, was er die Arbeitstherapie nennt, eben für etwas sehr Gutes, da Besseres und Moderneres wie die Anwendung der fast ein Jahrhundert alten Psychotherapie ja nur sein Ideal ist. Und, seine Arbeitstherapie wird hier in mehr als fünfzig Handwerksbetrieben angewandt, die, teils staatliche, also Regiebetriebe sind, und teils Zweigbetriebe privater Firmen.

Weder lustlos noch eifrig

Die Gefangenen werkeln und basteln in den Werkstätten, der Schlosserei, der Tischlerei, der Elektrowerkstatt, der Weberei, der Druckerei und den anderen Betrieben nicht anders, nicht schneller und, wie es scheint, weder lustloser noch eifriger als angestellte Handwerker in Freiheit.

"Die ‚Tegeler‘ sind sehr beliebt bei den privaten Arbeitgebern", sagt der Direktor. "Sehen Sie: keine Ferien, keine sozialen Abgaben und viel geringeren Lohn. Andererseits ist ein Gefangener keine volle Arbeitskraft. Er arbeitet durchschnittlich nur sechs Stunden täglich. Jeder hier bearbeitet doch nebenher ‚seinen Fall‘ – er geht zum Fürsorger, auch mal zum Pfarrer, oder er spricht mit seinem Anwalt."

"Was verdient er?"

"Acht Mark täglich, falls er nicht nach dem Pensenschlüssel bezahlt wird." Pensenschlüssel ist die amtliche Bezeichnung für Akkordarbeit. Fünftagewoche übrigens auch hier. Sonnabends und sonntags gibt’s Sport, Fernsehen, Radio, Kino. Auf dem Spielplan für den nächsten Sonntag stand der Film "Das schwarze Schaf" mit Heinz Rühmann.

"Lebenslänglich ist auch vergänglich"

Wir gehen vom "Freizeitgebäude" aus am Fußballplatz und dem Spazierplatz mit den geschlungenen, gut übersehbaren Pfaden für die tägliche "Bewegung in frischer Luft" vorbei, dann in die nächste Werkstatt, in noch eine, in noch eine. Überall rasseln die Schlüssel – groß wie Kneifzangen, vier bis acht an einer starren Achse so befestigt, daß sie nur in einer Richtung zu drehen sind – öffnen eiserne Türen, daß es hohl widerhallt, schließen sie wieder, wenn wir drinnen sind. Zum modernen Schnappschloß hat man es hier noch nicht gebracht. Wie viele neue Schlösser man dann auch wohl brauchte?

Der Berliner Senat bewilligt übrigens, wie Tegels Leiter sagt, ziemlich viel Geld für moderne Maschinen in den staatseigenen Werkstätten. "Das gehört zur Resozialisierung. Wenn Gefangene mit Erbsenverlesen, Lumpensortieren oder Tütenkleben beschäftigt würden wie anno dazumal, wie können sie nach ihrer Entlassung dann wieder Arbeit finden?" Tatsächlich sollen "Tegeler" von den Betrieben, für die sie hier gearbeitet haben, gern genommen werden, wenn sie eines Tages mit ihrem Entlassungsgeld vor dem Tor stehen, nach Jahren wieder im Freien sind, am Anfang der Baumgrenze.

Grünes nur in der Gärtnerei

Innerhalb der Mauern hier wächst nichts Grünes – nur in der kleinen Gärtnerei. Die da arbeiten, waren aber nicht eben heiter, sie antworteten weder dem Direktor noch mir auf unsere Fragen. Ich hatte nun schon so viele Mauern gesehen, so viele eiserne Türen zuschlagen gehört, daß ich, wäre ich an Stelle der jungen Männer gewesen, die in der Gärtnerei Setzlinge einpflanzten, wahrscheinlich mit einem Blumentopf nach den Besuchern geworfen hätte.

"Sind Sie tatsächlich entschlossen, nun auch noch zu den Zuchthäuslern zu gehen?" fragt besorgt der Direktor. Natürlich bin ich dazu entschlossen. "Machen Sie sich auf die übelsten Zoten gefaßt", sagt er, "da sitzen Jungs, die sind nicht von Pappe."

Aber in den Zuchthäusler-Werkstätten ist nicht nur die Anzugfarbe anders. Hier weht andere Luft – und es ist nicht zu definieren, wodurch sie so auffällt. Zugegeben – ein paar grimmige Gestalten standen da an den Werktischen. Aber die Mehrzahl sah nicht anders aus als der Durchschnitt auf unseren Straßen. Bedrohlich still war es in diesen Werkstätten. Nur einzelne sehen sich um oder hören auf das, was man sie fragt. Genets stolze Mörder fallen einem ein, des französischen Schriftstellers glorifizierte Gestalten. Auch diese hier wünschen "der Gesellschaft" zu zeigen, daß sie sie verachten wie sie sich verachtet fühlen.

Das heitere Wort "Lebenslänglich ist auch vergänglich", das mir der Verantwortliche für die achtzehnhundert Tegeler anfangs als "Knastsprichwort" erzählt hatte, scheint so wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben wie "Gott grüß die Kunst" mit den Papptellern.

"Lebenslänglich ist auch vergänglich"

"Auch die Lebenslänglichen kommen nach ungefähr zwanzig Jahren schließlich mal raus", sagt der Direktor, "und auch sie müssen darum Freude an der Arbeit gewinnen. Die Zeit vergeht dann auch schneller."

Wir verlassen die Elektrowerkstatt der Zuchthäusler. Vor Zoten hat der Direktor sich umsonst gefürchtet. "Is dat vielleicht seine Tochta?" fragt ein Insasse auf gut Berlinisch einen anderen, als uns die Tür wieder aufgeschlossen wird und wir hinausgehen. Und das war alles. Selbst der Spaß an derben Witzen scheint hier zu vergehen.

"Der Sinn des Strafvollzugs", so die offizielle Definition, "ist erstens der Schutz der Allgemeinheit, zweitens, den Gefangenen zu der Einsicht zu bringen, daß er für sein Unrecht büßen muß, drittens, die Resozialisierung möglich zu machen und viertens, Willen und Fähigkeiten zu wecken und zu stärken, künftig ein gesetzmäßiges Leben zu führen."

Man tut hier vielleicht, was man kann – mit einem Psychologen, der einmal wöchentlich kommt und mit der "heilsamen Arbeit". Aber ein einziger Tag nur an diesem Ort hier ist grauenvoll – das Geräusch der Schlüssel und der eisernen Türen bleibt einem noch lange im Ohr.