In den Zellengebäuden, deren Treppenhäuser mit dem eisernen Gestänge von Gittern und Treppen aussehen wie alle großen Gefängnisse von Sing-Sing bis Hamburg-Fuhlsbüttel – ist es still. In den Zellen sitzen tagsüber nur Neueingelieferte, Zuchthäusler die ersten vier bis sechs Monate, Gefangene bis zu drei Monaten. ‚Da sollen sie erstmal zur Besinnung kommen, sich eingewöhnen und mal darüber nachdenken, wie weit sie es nun mit ihrem Leben gebracht haben." Zeit genug vielleicht, um eine Knastmacke zu kriegen, wie die Gefangenenpsychose berlinerisch genannt wird.

"Gott grüß die Kunst" steht über der Tür einer Werkstatt, die wir besichtigen. Hier wird die Kunst ausgeübt, Pappteller für Torten oder Würstchen, für alle möglichen Automaten-Berichte zu pressen. Eine einzige Maschine (es gibt hier vier oder sechs, ich habe sie nicht gezählt) preßt täglich 22 000 solcher Pappteller. "Wenn Sie in Berlin ein Paar Würstchen essen, dann stammt der Pappteller unter Garantie von ins hier aus Tegel", sagt der Direktor lachend. Er sagt es auch stolz. Er hält, was er die Arbeitstherapie nennt, eben für etwas sehr Gutes, da Besseres und Moderneres wie die Anwendung der fast ein Jahrhundert alten Psychotherapie ja nur sein Ideal ist. Und, seine Arbeitstherapie wird hier in mehr als fünfzig Handwerksbetrieben angewandt, die, teils staatliche, also Regiebetriebe sind, und teils Zweigbetriebe privater Firmen.

Weder lustlos noch eifrig

Die Gefangenen werkeln und basteln in den Werkstätten, der Schlosserei, der Tischlerei, der Elektrowerkstatt, der Weberei, der Druckerei und den anderen Betrieben nicht anders, nicht schneller und, wie es scheint, weder lustloser noch eifriger als angestellte Handwerker in Freiheit.

"Die ‚Tegeler‘ sind sehr beliebt bei den privaten Arbeitgebern", sagt der Direktor. "Sehen Sie: keine Ferien, keine sozialen Abgaben und viel geringeren Lohn. Andererseits ist ein Gefangener keine volle Arbeitskraft. Er arbeitet durchschnittlich nur sechs Stunden täglich. Jeder hier bearbeitet doch nebenher ‚seinen Fall‘ – er geht zum Fürsorger, auch mal zum Pfarrer, oder er spricht mit seinem Anwalt."

"Was verdient er?"

"Acht Mark täglich, falls er nicht nach dem Pensenschlüssel bezahlt wird." Pensenschlüssel ist die amtliche Bezeichnung für Akkordarbeit. Fünftagewoche übrigens auch hier. Sonnabends und sonntags gibt’s Sport, Fernsehen, Radio, Kino. Auf dem Spielplan für den nächsten Sonntag stand der Film "Das schwarze Schaf" mit Heinz Rühmann.