Wir gehen vom "Freizeitgebäude" aus am Fußballplatz und dem Spazierplatz mit den geschlungenen, gut übersehbaren Pfaden für die tägliche "Bewegung in frischer Luft" vorbei, dann in die nächste Werkstatt, in noch eine, in noch eine. Überall rasseln die Schlüssel – groß wie Kneifzangen, vier bis acht an einer starren Achse so befestigt, daß sie nur in einer Richtung zu drehen sind – öffnen eiserne Türen, daß es hohl widerhallt, schließen sie wieder, wenn wir drinnen sind. Zum modernen Schnappschloß hat man es hier noch nicht gebracht. Wie viele neue Schlösser man dann auch wohl brauchte?

Der Berliner Senat bewilligt übrigens, wie Tegels Leiter sagt, ziemlich viel Geld für moderne Maschinen in den staatseigenen Werkstätten. "Das gehört zur Resozialisierung. Wenn Gefangene mit Erbsenverlesen, Lumpensortieren oder Tütenkleben beschäftigt würden wie anno dazumal, wie können sie nach ihrer Entlassung dann wieder Arbeit finden?" Tatsächlich sollen "Tegeler" von den Betrieben, für die sie hier gearbeitet haben, gern genommen werden, wenn sie eines Tages mit ihrem Entlassungsgeld vor dem Tor stehen, nach Jahren wieder im Freien sind, am Anfang der Baumgrenze.

Grünes nur in der Gärtnerei

Innerhalb der Mauern hier wächst nichts Grünes – nur in der kleinen Gärtnerei. Die da arbeiten, waren aber nicht eben heiter, sie antworteten weder dem Direktor noch mir auf unsere Fragen. Ich hatte nun schon so viele Mauern gesehen, so viele eiserne Türen zuschlagen gehört, daß ich, wäre ich an Stelle der jungen Männer gewesen, die in der Gärtnerei Setzlinge einpflanzten, wahrscheinlich mit einem Blumentopf nach den Besuchern geworfen hätte.

"Sind Sie tatsächlich entschlossen, nun auch noch zu den Zuchthäuslern zu gehen?" fragt besorgt der Direktor. Natürlich bin ich dazu entschlossen. "Machen Sie sich auf die übelsten Zoten gefaßt", sagt er, "da sitzen Jungs, die sind nicht von Pappe."

Aber in den Zuchthäusler-Werkstätten ist nicht nur die Anzugfarbe anders. Hier weht andere Luft – und es ist nicht zu definieren, wodurch sie so auffällt. Zugegeben – ein paar grimmige Gestalten standen da an den Werktischen. Aber die Mehrzahl sah nicht anders aus als der Durchschnitt auf unseren Straßen. Bedrohlich still war es in diesen Werkstätten. Nur einzelne sehen sich um oder hören auf das, was man sie fragt. Genets stolze Mörder fallen einem ein, des französischen Schriftstellers glorifizierte Gestalten. Auch diese hier wünschen "der Gesellschaft" zu zeigen, daß sie sie verachten wie sie sich verachtet fühlen.

Das heitere Wort "Lebenslänglich ist auch vergänglich", das mir der Verantwortliche für die achtzehnhundert Tegeler anfangs als "Knastsprichwort" erzählt hatte, scheint so wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben wie "Gott grüß die Kunst" mit den Papptellern.