Von Hans Schwab-Felisch

Entgegen der Erwartung mancher Propheten hat das Theater sich als ungemein resistent erwiesen. Es hat Film und Radio überdauert; es wird auch das Fernsehen überdauern. Wolf Jobst Siedler irrt, wenn er in seiner „Verteidigung des Fernsehens“, einer von elegischem Wohlwollen für das Private im Massenzeitalter inspirierten Betrachtung, meint, die Bühne habe sich, „bei hoher künstlerischer Perfektion, aus dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben zurückgezogen“, Kortners Fernseh-Aristophanes habe „mehr politische Unruhe gemacht als alle Bühnen-Brechts zusammen“.

Kortners „Lysistrate“ ist längst vergessen. Aber weder Kortner noch Aristophanes sind es. Und die von Egon Monk oft erzeugte Fernsehunruhe hat nie länger als einen Tag vorgehalten, während das einzige Stück, mit dem Piscator in fünf oder sechs Jahren Volksbühnenintendanz reüssierte, Hochhuths „Stellvertreter“, die ganze Welt in eine noch immer nicht abgeklungene Erregung versetzte. Das Theater ist ein primärer, kein sekundärer Ort des Künstlerischen. Deshalb wird es immer auch eine entscheidende Instanz bleiben. Das ist nicht einmal so sehr eine Frage der Qualität als eine der Intensität.

So werden Erinnerungen bedeutender Theaterleute stets von hohem Interesse sein: weil diese nämlich teilhatten an geistigen Entscheidungen, weil in ihnen Stationen der Kulturgeschichte manifest geworden sind. Das wichtigste – und anrührendste – Buch auf diesem Gebiet seit langem hat ein Mann geschrieben, dessen Name in Deutschland nur wenigen bekannt ist –

Ernst Josef Aufricht: „Erzähle, damit du dein Recht erweist“; Propyläen Verlag, Berlin; 283 S., 24,– DM.

Ein Grund dafür, daß er im Schatten blieb, liegt darin, daß Aufricht zwar als Schauspieler begonnen hat, sich aber schon in sehr jungen Jahren aus dem Rampenlicht zurückzog, auch nicht selbst Regie führte, sondern den Beruf eines Theaterdirektors wählte, der die Produktion seines Hauses zwar bestimmt, den künstlerischen Ruhm aber anderen überläßt. Schon dies kennzeichnet einen wesentlichen Charakterzug, der sich auch in der Erzählhaltung Aufrichts ausdrückt: Zurückhaltung trotz – oder gerade wegen – eines motorischen Temperaments; Selbstbescheidung bei aller Lust, öffentlich zu wirken. Es ließen sich daran einige melancholische Betrachtungen über die Wege des Ruhms knüpfen.

Der andere Grund dafür, daß Aufrichts Name in Vergessenheit geriet, ist nicht auf seinen Charakter zurückzuführen. Aufricht war erst vierunddreißig Jahre alt, als er im März 1933 ein Deutschland verlassen mußte, in dem soeben das Bündnis zwischen Deutschnationalen und Nationalsozialisten beim Händedruck von Potsdam besiegelt wurde. Eine Geschichte der deutschen Händedrucke sollte geschrieben werden.